Daimler"Li Shufu hat ein strategisches Interesse"

Daimler hat einen neuen Großaktionär
Daimler hat einen neuen GroßaktionärGetty Images

Wie so oft ist auch im Fall Daimler die Aufregung groß, wenn ein chinesischer Investor in Deutschland aktiv wird. Steht hinter Lis Investition ein strategischer Gedanke?

Stefan Bratzel ist Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach
Stefan Bratzel ist Direktor des Center of Automotive
Management in Bergisch Gladbach

Ich denke schon, dass ein strategisches Interesse dahinter steht. Ich glaube, dass Li tatsächlich mittel- bis langfristig orientiert ist. Das sieht man auch daran, wie er in den vergangenen Jahren vorgegangen ist und sein Unternehmen entwickelt hat. Ihm ist klar, wie wichtig die Frage ist, mit wem man künftig am besten kooperieren kann. Und da ist Daimler natürlich interessant.

Hilft da auch der Umstand, dass Daimler an der Börse vergleichsweise niedrig bewertet wird?

Das spielt mit Sicherheit eine Rolle. Ein Investment dürfte sich aus chinesischer Sicht in jedem Fall lohnen, selbst wenn es kein strategisches Interesse gäbe. Es ist ja seit Jahren zu sehen, dass die Marktkapitalisierung der Automobilhersteller im Vergleich zu den großen Digital-Konzernen eher stagniert. Mit Ausnahme von Tesla natürlich. Der Markt ist eher vorsichtig, was die Zukunftsperspektiven der klassischen Automobilhersteller angeht.

Inwieweit kann Daimler denn von dem Einfluss Shufus profitieren?

Das ist zwiespältig. Man darf nicht vergessen, dass Daimler mit chinesischen Wettbewerbern von Geely gut im Geschäft ist und sich da auch weiter entwickeln will. Die Investition wird in China daher sicher sehr genau beäugt werden, zumal der Wettbewerb da sehr stark ist. Das kann zu einigen Turbulenzen führen. Daimler selbst war ja offenkundig überrascht von der Übernahme der Anteile.

Was könnte das strategische Ziel Lis bei Daimler sein?

Ich glaube, es könnte zu Kooperationen im technologischen Bereich kommen. Natürlich spielt die Elektromobilität eine Rolle. Aber viel wichtiger sind sicher Mobilitätsdienstleistungen und die Plattformen, die immer stärker werden. Li weiß, dass Mobilität als Dienstleistung eine riesige Bedeutung bekommen wird. Ohne Kooperationen untereinander werden sich die Automobilhersteller gegen die chinesischen Big Data-Player wie Tencent oder Alibaba nicht durchsetzen können. Da könnten Daimler und Geely sicher zusammenarbeiten. In Deutschland haben das die Konzerne mit Here ja bereits in Angriff genommen.

Dann wäre Geely doch als Anker-Investor für Daimler gar nicht so schlecht.

Es kann ganz gut ausgehen. Zuerst müssen sicher einige Animositäten ausgeräumt werden, die es sicher gibt. Aber langfristig kann so ein Zugang zum chinesischen Markt sicher nützlich sein, vor allem da, wo es um nichtwettbewerbsrelevante Faktoren wie Infrastruktur geht. Es könnte so aussehen wie die Zusammenarbeit mit Renault-Nissan heute, bei der man in bestimmten Projekten Gemeinsamkeiten findet. Wir reden hier aber ausdrücklich von einer mittel- oder langfristigen Perspektive. Das weiß Li auch. Durch seinen hohen Anteil hat er ja einen direkten Zugang zum Vorstand und einen Gesprächsfaden, den er aufnehmen kann.

Gehen Sie davon aus, dass er einen Sitz im Aufsichtsrat bekommt?

Längerfristig auf jeden Fall, die Vertretung wird er haben wollen. Sonst wäre es ja eine reine Portfolio-Investition.

Wird es denn bei dem derzeitigen Anteil bleiben?

Geely muss zumindest vorsichtig sein, da irgendwann auch die Bundesregierung ins Spiel kommt. Dann wird es sehr schnell eine politische Angelegenheit. Ich denke, kurzfristig wird er nicht aufstocken, aber in zwei oder drei Jahren ist das natürlich nicht ausgeschlossen.


Wer ist Li Shufu?