FinanzevolutionLending Evolution stockt

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Kritik am Risikomodell des Lending Club

Der Druck, neue Kredite zu vergeben, hat offenbar zu einer Lockerung der Kreditbedingungen geführt. Grundsätzlich ist es für Profianleger kein Problem, auch riskantere Kredite zu vergeben, wenn bei entsprechender Risikoprämie und breiter Streuung am Ende noch genügend übrigbleibt. In der Vergangenheit galt die Risikostatistik von Lending Club als vorbildlich. Die umfangreichen statistischen Daten, die die Plattform auch per Schnittstelle zur Verfügung stellt, haben nach einer Analyse von Bloomberg überhaupt erst dazu geführt, dass viele professionelle Investoren ihr Geld in Kredite von Lending Club investiert haben.

Timothy Li analysierte in Seeking Alpha die Misere von Lending Club und kritisierte unter anderem das Risikomodell des Unternehmens. Dieses Modell soll zuletzt die Risiken unterschätzt haben. Im Klartext, die tatsächlichen Ausfallquoten von Krediten in den jeweiligen Risikoklassen lagen höher als die prognostizierten Ausfälle. So etwas mögen institutionelle Investoren nicht.

Die Höhe der Zinsen, die Kreditnehmer bei Lending-Plattformen erhalten richten sich wie bei Banken nach dem kalkulierten Risiko aus. Bei riskanten Krediten sind diese entsprechend so hoch, dass diese Prämien auch Ausfälle decken können. Die Risikoprämien für P2P-Kredite in höheren Risikoklassen hatten aber für Lending Club noch einen weiteren Nachteil, mit dem das Unternehmen in eine Regulierungsfalle tappte. Die NZZ schrieb im März:

„Das Problem ist, dass die von Lending Club und auch anderen Kredit-Marktplätzen verlangten Zinsen in vielen Fällen über den in einigen Gliedstaaten gesetzlich festgesetzten Höchstzinsen liegen und somit als Wucher gelten. … Rund 13 Prozent der derzeit vergebenen Kredite von Lending Club haben einen Zinsfuß, der in einigen Gliedstaaten als Wucher gelten würde. Im Durchschnitt erhebt das Unternehmen einen Zins von 12,6 Prozent. Lending Club versucht derzeit, mit einer leichten Veränderung des Geschäftsmodells diese juristische Hürde zu nehmen.”

Bei riskanten Krediten wäre es also besser gewesen, sie gar nicht erst zu vergeben. Offensichtlich wollte man sie dennoch vergeben, weil auf der Anlageseite viel Kapital wartete (siehe oben).

Das P2P-Konzept lebt noch

Was Lending Club hier getroffen hat, ist kein spezifisches Fintech-Problem, sondern kommt im Finanzwesen immer wieder vor. Für diejenigen, die die Finanzkrise 2007 bis 2009 schon verdrängt haben, hier zur Auffrischung eine Passage aus einer Analyse der Bundeszentrale für politische Bildung:

„Investmentbanker erlagen zudem dem Trugschluss, mittels hochkomplizierter mathematischer Optimierungsverfahren das Risiko der neuen Anlageinstrumente und Zweckgesellschaften nahezu beseitigt zu haben. Zwar berücksichtigten ihre Modelle durchaus die Möglichkeit eines Einbruchs der Immobilienpreise, doch basierten die Berechnungen auf historischen Erfahrungswerten. Mit einem Wertverlust auf den Immobilienmärkten, wie er letztendlich eintrat, hatte kaum jemand gerechnet.”

Auch in Deutschland könnten die Kreditplattformen derzeit Probleme bekommen, geeignete Kreditnehmer zu finden. Angesichts der derzeit historisch niedrigen Kredithürde (monatlich ermittelt vom Ifo Institut München) ist es für Kreditsuchende deutlich einfacher als vor ein paar Jahren, von Banken Kredite zu erhalten.

Das Beispiel Lending Club zeigt nicht, dass das P2P-Konzept gescheitert ist. Auch Lending Club existiert weiter und steht keineswegs vor der Pleite. Das Beispiel macht aber ganz deutlich, dass die Fintech-Branche reifen muss und der Welpenbonus geschmolzen ist. Der Fall zeigt, dass die Gravitationsgesetze der Finanzmärkte auch für die Fintechs gelten.