PodcastLedertaschenhersteller Picard: „Unsere Bank wollte uns loswerden“

Eine Mitarbeiterin in der Produktion von Luxus-Handtaschen der Firma Picard näht am 28.08.2014 in Obertshausen (Hessen) ein Handtascheninnenfutter. Das Unternehmen Picard wurde 1928 in Obertshausen gegründet. Der Hersteller für Luxus-Ledertaschen produziert neben dem Standort Obertshausen auch in Bangladesch, Tunesien und der Ukraine.Foto: Andreas Arnold/dpa (zu lhe-KORR «Picard» vom 04.09.2014) ++
Picard-Produktion in Obertshausen: Hier mussten Mitarbeiter entlassen werdendpa

Für Picard war die Corona-Krise ein Kampf an mehreren Fronten: Der Einzelhandel war über Monate dicht. Galeria Karstadt Kaufhof, wo der Ledertaschenhersteller einen Löwenanteil seiner Umsätze macht, befand sich selbst in Schieflage, an Flughäfen fand sich kaum ein Mensch – und neues Reisegepäck brauchte auch kaum einer. „Bis auf die Säule Online ist alles zusammengekracht“, schildert Geschäftsführer Georg Picard die Zeit des ersten Lockdowns im Podcast „Die Stunde Null“.

Im Mai 2020 ging Picard in ein Schutzschirmverfahren. Der Kampf um den Neustart und das Überleben war besonders intensiv – denn die einzige Hausbank spielte nicht mit. „Wir hatten schon seit zwei, drei Jahren das Gefühl, dass sie uns loswerden wollte“, berichtet Picard, der das Unternehmen aus dem hessischen Obertshausen seit 2015 in vierter Generation führt. Es sei offenbar darum gegangen, alles abzustoßen, „was der Einzelhandelsbranche in irgendeiner Form angehört“. Deshalb sei er „ziemlich stinkig“.

Um die Traditionsmarke zu retten, musste Georg Picard harte Entscheidungen treffen: Die Firma trennte sich von 50 der 150 Mitarbeiter in Obertshausen, die Entlassenen kamen in eine Transfergesellschaft. Zudem verkaufte Picard das Firmengelände. Eine „wunderbare Grünfläche, das tut natürlich schon weh“, sagte der 48-Jährige. „Das wurde 1949 mit Mitarbeitern hier hochgezogen.“

Nach dem Start des Insolvenzverfahrens im August gelang es Georg Picard in einem zähen Prozess, mit Krediten von Familienmitgliedern und Freunden das Traditionsunternehmen zu erhalten – ohne Staatshilfe oder Investor. „Jetzt haben wir eine sehr stabile und gesunde wirtschaftliche Situation, in der wir für die nächsten zwei Jahre gut leben können“, sagte Picard. „Wenn wir nicht viel falsch machen.“

Das Insolvenzverfahren war mühsam, denn das Gericht in Offenbach sei „unglaublich langsam“ gewesen, beklagt sich Picard. Die Gläubigerversammlung habe erst kurz vor Weihnachten stattfinden können, das Verfahren bis in den Februar dieses Jahres gedauert. „Wir haben darüber Kunden verloren und auch Lieferanten.“

Um in Zukunft besser aufgestellt zu sein, hat das Unternehmen seine Strategie verändert: Mehr online und weniger physische Läden. Von den 14 Shops der Marke wurden fünf geschlossen; nur die Flughafen-Stores bleiben erhalten.

Georg Picard möchte in Zukunft das Handwerk in den Vordergrund stellen – etwa durch eine gläserne Manufaktur. „Handwerk ist heute zum Teil ausgestorben, oder keiner weiß mehr, wie es funktioniert“, sagt er. „Diese Neugierde der Menschen zu sehen, wie etwas Physisches zusammenwächst, was man unter Umständen gar nicht selber hinbekommt, ist ungebrochen.“

Hören Sie in der neuen Folge von „Die Stunde Null“,

  • warum Georg Picard mehrmals die Woche meditiert,
  • wie er einen Freund überzeugte, der Firma mit Geld zu helfen,
  • welche neuen Artikel die Marke in Vorbereitung hat.

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