VersicherungLebensversicherung: So gut ist Ihr Anbieter

Seite: 2 von 2

Versicherer schichten um

Also alles halb so schlimm? Nicht ganz. Zwar gibt es keinen Anlass zu überstürzten Kündigungen. Kunden können ihre Police allerdings auch nicht mehr wie früher bis zum Auszahlungstermin einfach in der Schublade liegen lassen. Sie sollten ihre Gesellschaft und die Entwicklung ihres Vertrags mithilfe der jährlichen Standmitteilung im Blick behalten – und in regelmäßigen Abständen prüfen, ob eine Fortführung sinnvoll ist.

Wie viel Ertrag die Gesellschaften in der Zinsflaute laufend verdienen

Bei allen Vorteilen, die Altversicherte dank hoher Zinszusagen noch genießen, müssen auch sie damit rechnen, dass sich ihre Guthaben schlechter entwickeln, als sie es bisher erwarten. Die Versicherer verdienen immer weniger am Kapitalmarkt – und mindern nun teilweise bereits sicher geglaubte Zahlungen, die nicht garantiert sind, um auch Neukunden noch eine anständige Verzinsung gewährleisten zu können.

So reduzieren die Gesellschaften ihren Versicherten beispielsweise nachträglich bereits eingestellte Schlussüberschüsse: „Anfangs waren das Einzelfälle, inzwischen ist das im Markt die Regel“, sagt Assekurata-Analyst Heermann. Als Schlussüberschuss werden Gelder reserviert, die Kunden erst zum Vertragsende zustehen – zuvor allerdings gekürzt werden können.

Einen Rechtsanspruch auf Auszahlung dieses Bestandteils haben Kunden nicht. Wer auf seinen laufenden Standmitteilungen vom Versicherer beobachtet, dass die in Aussicht gestellte Summe der reservierten Schlussüberschüsse sinkt, sollte dennoch bei seiner Gesellschaft nachfragen. Schließlich scheuen die Unternehmen breite Kritikwellen in der Öffentlichkeit.

Wer mit einem hohen Anteil Eigenmit- teln in schlechten Zeiten gerüstet ist

Viele Kunden können bei sinkenden Erträgen gegensteuern, indem sie ihren – oftmals seit dem Abschluss vor vielen Jahren unberührten – Vertrag entrümpeln. Einer der folgenden Kniffe dürfte in nahezu jedem Fall die Rendite um ein paar Zehntelpunkte erhöhen: Erstens, den Vertrag auf jährliche Zahlweise umstellen; zweitens, unnötige Zusatzpolicen zum Unfalltod kündigen; und drittens, auf dynamische Erhöhungen im letzten Vertragsdrittel verzichten.

Erhöhte Wachsamkeit müssen insbesondere Kunden walten lassen, deren Verträge nurmehr noch in geschlossenen Gemeinschaften verwaltet werden, weil der Versicherer den Verkauf von klassischen Policen gestoppt oder gleich die ganze Gesellschaft stillgelegt hat.

Allein beim Düsseldorfer Ergo-Konzern sind mehr als sechs Millionen Policen von solchen Stilllegungen betroffen. Zuletzt verkaufte Ende September die Arag rund 320.000 klassische Policen an den Abwickler Frankfurter Leben. Die Finanzaufsicht Bafin muss dem Deal allerdings noch zustimmen.

Transaktionen wie diese werden Experten zufolge branchenweit zunehmen. Die Aufseher sollen darüber wachen, dass kein Kunde schlechtergestellt wird. Doch Versicherte tun gut daran, ihre Guthaben auch selbst im Auge zu behalten. Den Vertrag kündigen sollten sie jedoch niemals, ohne zuvor andere Optionen erwogen zu haben – am besten mithilfe eines unabhängigen Versicherungsberaters oder von Verbraucherschützern. Rechnen wird sich ein Schnitt derzeit schon wegen fehlender Alternativanlagen allerdings nur sehr selten.

Letzte Option: Notausstieg

Wer aufgrund einer finanziellen Notlage – etwa nach einer Scheidung – nicht anders kann, als die Police aufzugeben, sollte zumindest eine Option prüfen, um sein eingezahltes Geld womöglich doch noch fast vollständig zurückzuholen. Die Vorlage dafür lieferte der Bundesgerichtshof: Viele Versicherer haben ihre Kunden bei Vertragsabschlüssen zwischen Mitte 1994 und Ende 2007 fehlerhaft oder nicht ausreichend informiert. Daraus ergibt sich für die Betroffenen ein „ewiges“ Widerspruchsrecht (Az. IV ZR 76/11).

Die Chancen, einen solchen Vertrag zu haben, stehen nicht schlecht: Rund 60 Prozent der fraglichen Lebens- und Rentenpolicen kommen nach Schätzungen der Verbraucherzentrale Hamburg für eine Rückabwicklung infrage. Deren Expertin Kerstin Becker-Eiselen empfiehlt, die mögliche Rückzahlung grob per Onlinerechner zu ermitteln (www.vzhh.de) und den Vertrag dann juristisch zu checken. Für alle anderen Vorsorgesparer lautet die Empfehlung weiterhin: „Halten“.

 

Der Beitrag ist zuerst in Capital 11/2016 erschienen. Dort finden Sie auch die vollständige Tabelle mit allen untersuchten Gesellschaften. In unserem Abo-Shop können Sie die Ausgabe bestellen.