VersicherungLebensversicherer wagen digitalen Aufbruch

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Auf Schatzsuche im IT-System

Inzwischen wird investiert, um die marode IT endlich ins Internetzeitalter zu versetzen. Insgesamt 4,5 Mrd. Euro stellte die Branche allein im vergangenen Jahr für Digitalisierungsprojekte bereit. „Die Bemühungen nehmen zu – und es stellt wenigstens keiner mehr infrage, dass es einen Wandel geben muss“, sagt Berater Hoffmann.

Nach außen stellt sich die Versicherungswirtschaft beim Trendthema Digitalisierung gern hochprofessionell dar: „Daten sind für uns keine Nebenbeschäftigung, sondern Kerngeschäft“, erklärt Alexander Erdland, Präsident des Versichererverbands GDV. Das klingt gut und modern, trifft aber nur für ausgesuchte Analysen zu – etwa bei der Risikoeinschätzung. Dort erlauben präzisere Daten laut Verband etwa, dass heute auch HIV-Infizierte eine Lebensversicherung abschließen können.

Tatsächlich kommen die Konzerne jedoch an den größten Teil ihres Datenschatzes gar nicht heran, weil die IT-Systeme das nicht hergeben. „Die Versicherer haben zwar massenweise Daten, aber noch sehr wenige Informationen“, sagt Hoffmann. Sehr viele Häuser könnten ihre Datenbestände nicht einmal zügig nach Tarifeigenschaften oder Kundenprofilen auswerten.

Mit der systematischen Auswertung der vorliegenden Daten haben viele Lebensversicherer technisch wohl noch eine ganze Weile zu kämpfen. An die Meisterklasse der Digitalisierung, genannt Big Data, kann die Mehrzahl bislang gar nicht denken: Die Suche nach Mustern in großen, unstrukturierten Datenmengen befindet sich Fachleuten zufolge allenfalls im Experimentierstadium.

Immerhin: Es wird experimentiert in einer Branche, die jahrzehntelang wenig Anlass sah, sich zu bewegen – dank sprudelnder Profite. Jetzt wird ausprobiert: Digitallabore, neue Produkte und Services, Kooperationen mit Insurtech-Firmen. Der Zwang zur Modernisierung wirkt.

Mitunter sind es kleine Zeichen, die vom Umbruch in der Unternehmenskultur zeugen: Selbst die Vorstände der stockkonservativen Allianz Leben legen ihre Krawatte ab, bevor sie den Weg zur Digitalschmiede in der Silberburgstraße antreten.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 11/2016 erschienen.