ReportageDie Honigfalle

Seite: 5 von 5
Heute kann Giesselbach wieder lachen. Sie hat einen neuen Freund und einen neuen Job
Heute kann Giesselbach wieder lachen. Sie hat einen neuen Freund und einen neuen Job
© Benne Ochs

Neue Firma, altes Geschäft

Giesselbachs Vorgänger in Chicago verließ die Firma, arbeitet in Bremen im familieneigenen Unternehmen – und ist Honorarkonsul. Auf die Vorfälle in den USA angesprochen, sagte er 2015 dem „Weser-Kurier“: „Ich weiß bis heute nicht, ob die Vorwürfe gegen Alfred L. Wolff überhaupt zutreffen, habe von derartigen Vorgängen aber nichts gewusst und war für den Einkauf und Import von Honig auch gar nicht zuständig.“ Sein Anwalt vermutet, dass die verurteilten Manager seinen Mandanten als Mittäter nannten, um damit ihre eigenen Strafen zu mildern. „Schäbig“ nennt ein Mitarbeiter diese Aussage.

Die Gerüchteküche brodelt, als im Februar 2010 das Familienunternehmen Alfred L. Wolff nach über 100 Jahren dem Namen nach vom Markt verschwindet und eine ­Norevo GmbH die Geschäfte übernimmt. Die Gesellschaft war laut „Bundesanzeiger“ am 25. September 2009 als „Vision 335. Vermögensverwaltungs­gesellschaft“ gegründet worden, eine klassische Vorratsgesellschaft. Die Umfirmierung in Norevo erfolgte am 20. November 2009. Einer der Geschäftsführer: Johannes Wolff, der jüngere Bruder von Alexander.

Alles beim Alten

Ein Branchenkenner sagt, sofort sei gemunkelt worden, dass das mit den Ereignissen in den USA zu tun habe. Man habe entweder den beschmutzten Namen loswerden wollen. Oder wolle sich der Haftung entziehen. „Juristisch ist zwar eine neue Firma entstanden, faktisch aber fast alles beim Alten geblieben. A­dresse, Büros, Mitarbeiter, Kunden.“ Das bestätigen auch Mitarbeiter. „Wir haben alle Übernahme­verträge bekommen. Eins zu eins.“

Ein plausibles Motiv für die Neugründung sei nicht erkennbar gewesen. „Aus finanziellen Gründen“ habe es nur geheißen. An der Hierarchie habe sich nichts geändert. „Wer nicht ins Register geschaut hat, hat nicht einmal bemerkt, dass Alexander Wolff offiziell nicht mehr der Geschäftsführer war.“

Geschickter Schachzug

Auf einen Fragenkatalog von Capital antwortet Norevo mit einer knappen Pressemitteilung vom Februar 2010. Darin heißt es, dass ­Norevo aus dem Kauf wesentlicher Vermögensgegenstände der Alfred L. Wolff Gruppe hervorgegangen sei. „Eine Bietergruppe um den kaufmännischen Geschäftsführer von ALW, Hartmut Lampe, erwarb die Vermögensgegenstände durch einen Asset-Deal im Februar 2010.“ Im Rahmen des Betriebsübergangs seien alle beschäftigten Mitarbeiter von Norevo übernommen worden. „Damit konnte Norevo das Geschäfts­modell weitgehend übernehmen.“

Ein geschickter Schachzug, wie sich herausstellte. Zu spüren bekam das auch ein italienischer Lieferant von Johannisbrotkernmehl. Er hatte Waren im Wert von 175 000 Dollar in die USA verschifft, noch an Alfred L. Wolff. Die Rechnung wurde aber nie beglichen, da wegen der Verhaftung das Büro bereits geschlossen war. Also wandte sich der Italiener an die Zentrale in Hamburg.

Dort hätte man die Zahlung so lange hinausgezögert, bis die Firma aufgelöst wurde. Der Lieferant klagte in Hamburg gegen Norevo – und verlor vor dem Oberlandesgericht. Begründung: Er hätte keine Ansprüche gegen die neue Firma, nur gegen die alte in den USA. Und die gebe es nicht mehr. Der Italiener ist noch heute außer sich. Er bezeichnet die Manager als „schamlos“.

Endlich frei

Am 17. Oktober 2013 kommt Stefanie Giesselbach frei. Justizbeamte setzen sie in Washington in eine Maschine nach Frankfurt. In den USA hat sie lebenslang Einreiseverbot. Und Schulden: 17 Mio. Dollar fordern die USA von ihr. Eine Summe, die sie nie werden eintreiben können.

In Hamburg zieht Giesselbach mit 35 Jahren wieder bei ihren Eltern ein. Und muss ihr Leben neu ordnen. Ihr ehemaliger Arbeitgeber hat sich die ganze Zeit nicht bei ihr gemeldet. Auf dem Großteil der Anwaltskosten blieb Giesselbach sitzen. An der Kaution hatte sich Wolff nicht beteiligt. Und auch nicht entschuldigt. Der Zufall will es, dass sie am Hamburger Flughafen einen ehemaligen Manager aus Chicago sieht, der von Interpol gesucht wird. „Alles ist ihm aus dem Gesicht gefallen“, erinnert sich Giesselbach. „Er stammelte nur: Du bist ja frei, ich aber nicht.“

Für Stefanie Giesselbach war es ein Stück Genugtuung. Sie hat ihr Leben zurück. Sie hat einen neuen Freund, eine neue Wohnung und einen neuen Job. Im Lebenslauf hatte sie zu der Zeit im Gefängnis geschrieben: „Auslandsaufenthalt USA“. Beim Bewerbungsgespräch klärte sie gleich auf, was sich dahinter verbirgt. Der Personalchef habe sehr menschlich reagiert, sich für die Offenheit bedankt. Er gab ihr den Job. Es war ihre erste Bewerbung.

* Nach der Veröffentlichung des Artikels in der Capital-Ausgabe 07/17, wandte sich Alexander Wolff mit einer Mail an die Redaktion. Er bedauerte, dass er nicht auf die Fragen des Autors reagiert habe. So sei es laut Wolff zu „Unschärfen in der Berichterstattung“ gekommen. Den Vorwurf, die Firma Alfred L. Wolff habe Giesselbach hängenlassen, dementiert er. „Auf Druck ihres Anwalts wurde die Kommunikation mit dem Arbeitgeber, den Kollegen und uns als Inhaberfamilie gestoppt. Dies galt auch für die Erstattung der Anwaltshonorare. Es gab die ausdrückliche Aufforderung jeglichen Kontakt zu unterlassen, um Frau Giesselbachs Position bei der amerikanischen Justiz als Kronzeugin nicht zu verschlechtern. Diesem Wunsch sind wir selbstverständlich nachgekommen“, schreibt Wolff.

Zugleich monierte Wolff, dass es in dem Artikel der Eindruck entsteht, eine Entschuldigung habe es nicht gegeben. Das sei falsch. Es hätte mehrere Treffen mit seiner Familie gegeben, wenn auch nicht mit ihm, bei denen das tiefe Bedauern über die Vorfälle in den USA und die Auswirkungen auf das Leben von Giesselbach ausgedrückt worden seien. Auch habe es „eine bedeutende Schenkung aus Privatmitteln“ gegeben. Wolff schließt mit den Worten, dass Giesselbach erhebliche Belastungen habe ertragen müssen. „Ich zolle ihr hohen Respekt und Anerkennung, fachlich wie menschlich.“

Der Beitrag ist zuerst in Capital 07/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon