ReportageDie Honigfalle

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Auch den Kamm aus billigem Plastik bewahrt sie in ihrer
Auch den Kamm aus billigem Plastik bewahrt sie in ihrer „Knasttüte“ auf. Wie ihren Gefangenenausweis
© Benne Ochs

Gespött der Firma

Als Alexander Wolff – der junge Firmenchef, der das Haus in vierter Generation führt – im Frühjahr 2007 das Büro in Chicago besucht, spricht Giesselbach ihn bei einem Mittagessen auf die China-Deals an. Unseriös sei das, sie wolle so nicht arbeiten, zurück nach Hamburg. Der Chef, so hat sie den Eindruck, wolle ihre Entscheidung beeinflussen. Plötzlich befürchtet sie, zum Gespött der Firma zu werden, wenn sie in Chicago hinwirft. Wolff, selbst erst ­Mitte 30, habe angedeutet, dass es vielleicht ein Fehler gewesen sei, eine Frau in die USA zu schicken. Aber Wolff lenkt auch ein. Aus dem Gespräch nimmt sie die Hoffnung mit, dass die Umschiffung von Honig externer Lieferanten aus China gestoppt wird. Immerhin betrifft das ein Drittel des Umsatzes.

Capital hat Alexander Wolff Fragen zu dem Gespräch in Chicago gestellt – und zu anderen Details. Sie blieben unbeantwortet.*

Razzia im Büro

Bis hierher hatte Giesselbach im Grunde alles richtig gemacht. Sie hatte mit ihrem direkten Vorgesetzten gesprochen. Und sogar den Firmenchef informiert. Doch dann machte sie einen Fehler: Sie glaubte, etwas bewirken zu können. Heute sagt sie: „Ich habe mich einlullen lassen.“ Wolff habe gewusst, welche Knöpfe er zu drücken hatte.

Das Essen markiert den Punkt, an dem Giesselbach Teil der „Verschwörung“ wurde, von der die US-Behörden sprechen. Heute würde sie anders reagieren, sagt sie. Würde einen Anwalt konsultieren, der sich mit Whistleblowing auskennt. Doch damals, vor den ganzen „Leaks“ und vor Edward Snowden, gab es dieses Bewusstsein bei ihr nicht.

Damals ging sie zurück in ihr Büro und zeichnete die Deals ab, die auf dem Papier korrekt aussahen. Sie fühlte sich als kleines Rädchen. Was sollte ihr schon passieren? Alle machten das doch. Sie hatte sich das nicht ausgedacht, profitierte nicht ­finanziell. Zusammen mit Böhm aber fasste sie einen Plan. Sobald ihre Vorgänger zurück in Deutschland wären, würden sie versuchen, das US-Geschäft neu aufzustellen.

Verhör am Gate

Doch dazu kam es nicht. Der Alltag hatte sie im Griff. Die Geschäfte liefen im Vergleich zu der Zeit unter ihren Vorgängern schlecht.

Als ein halbes Dutzend FBI-Agenten das Büro in Chicago stürmt, schwer bewaffnet und mit kugelsicheren Westen, befindet sich Giesselbach gerade im Landeanflug auf Chicago. Sie hatte zu Hause Ostern gefeiert. Es ist der 24. März 2008, 10 Uhr morgens. Die Behörden hatten einen Tipp bekommen. In der Klageschrift ist von einem confidential informant die Rede. Die Männer vernehmen Böhm, beschlagnahmen Dokumente, Festplatten, E-Mails.

Nach der Landung wird ­Giesselbach noch am Gate aus der Schlange gezogen und verhört. Die junge Frau macht der Zentrale in Hamburg nun klar, dass sie endlich zurückwill. Irgendwann dringt sie durch mit ihrem Anliegen, aber unter der Bedingung, dass sie ihre Nachfolgerin einarbeiten müsse.

„Sie sind verhaftet“

Der Tag, an dem Stefanie ­Giesselbach die Kontrolle über ihr Leben verliert, ist der 23. Mai 2008. Es ist ein warmer Frühlingstag in Chicago, als Böhm sie zum Flughafen O’Hare bringt. Sie will nur ein paar Tage nach Hause. Sie checkt gerade am Schalter von Air France ein, als sie ihren Namen hört. Eine Frauenstimme sagt: „Sie sind verhaftet.“

„Soll das ein Witz sein?“ fragt sie. „Umdrehen!“, herrscht die Frau sie an. Giesselbach verschränkt ihre Hände auf dem Rücken, hört das Klicken der Handschellen. Ein Irrtum, schießt es ihr durch den Kopf. Vor dem Flughafen wartet eine Wagenkolonne der Homeland Security. Auf der Fahrt zum Gericht hört sie über Funk, dass auch Böhm verhaftet wurde. Wenig später sitzt sie in orangefarbener Häftlingskleidung in einer überfüllten Zelle mit Kriminellen.