ReportageDie Honigfalle

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Selbst gebastelte Geschenke ihrer Mitinsassinnen hat Giesselbach bis heute aufgehoben. Viele drehen sich um Honig
Selbst gebastelte Geschenke ihrer Mitinsassinnen hat Giesselbach bis heute aufgehoben. Viele drehen sich um Honig
© Benne Ochs

„Ich bin kein Opfer“

Wer Stefanie Giesselbach heute spricht, trifft auf eine Frau, die mit sich im Reinen wirkt. Klar, aufgeräumt, nicht verbittert. „Ich möchte nicht als Opfer gesehen werden“, stellt die heute 38-Jährige zu Beginn des Gesprächs klar. „Aber ich will mich auch nicht verstecken.“ Die Frau mit den langen, blonden Haaren nippt in den zweieinhalb Stunden kaum an ihrer Rhabarbersaftschorle. Es ist ein warmer Maitag in Hamburg. Vor genau neun Jahren wurde sie verhaftet.

Aus „der ganzen Sache“ sei sie gestärkt hervorgegangen, sagt sie. Mit „der ganzen Sache“ meint sie die verlorenen Jahre, in denen sie in den USA festgehalten wurde. Sie saß in Untersuchungshaft, musste später eine Fußfessel tragen. Um sich über Wasser zu halten, ging sie kellnern, jobbte bei einer NGO. Erst nach Jahren der Ungewissheit folgte der Prozess. Sie kooperierte mit den Behörden, bekannte sich schuldig und wurde dennoch verurteilt: ein Jahr und ein Tag Gefängnis. Sie hat Hass empfunden und noch mehr Wut. Und sich immer wieder gefragt: Was habe ich falsch gemacht?

Der ehrbare Kaufmann

Sie ist nicht unschuldig, das weiß sie. „Ich war naiv“, sagt Giesselbach. „Wir dachten, wir könnten das Geschäft ändern.“ Eine Kriminelle aber, als die sie behandelt wurde, ist sie nicht. Nach deutschem Rechtsverständnis zumindest, denn hier hätte man sie vermutlich wegen Beihilfe belangt. Vielleicht auch nur als Zeugin vernommen, weil sie Weisungen befolgte. Das ist die eine Lektion, die sie gelernt hat: Wer ins Ausland geht, sollte sich eingehend über die Gesetzeslage dort informieren.

Im November 2006, als sie in Chicago eintrifft, glaubt Giesselbach an ihre große Chance. Mit 21 Jahren hat sie eine Ausbildung bei dem Handelshaus begonnen, wird Sales-Managerin, Fachgebiet Honig. Sie fühlt sich wohl bei Alfred L. Wolff, das Unternehmen hat einen tadellosen Ruf. „Die Wölffe“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin, „verkörperten immer das Sinnbild des ehrbaren Kaufmanns.“

Ein betrügerisches System

Ein halbes Jahr vor ihr ist bereits ein Kollege, den sie im Buch „Moritz Böhm“ nennt, nach Chicago gewechselt. Auch Böhm wird später verhaftet, sitzt in den USA fest, kann aber durch einen Deal mit der Staatsanwaltschaft einer Haftstrafe entgehen. Er hat abgeschlossen mit dem Fall, möchte nicht mehr mit seinem echten Namen erwähnt werden.

Böhm soll als Geschäftsführer die US-Tochterfirma leiten, Giesselbach das Honiggeschäft – und eine Produktionsstätte aufbauen. Für den Übergang bleiben die beiden Vorgänger vorerst noch in Chicago.

Dann also der Fall mit dem „Malaysier“. Kurz darauf setzt sich Giesselbach mit Böhm zusammen. Der ist bereits in das betrügerische System eingeweiht worden. Alle in der Branche würden das so machen, wurde ihm gesagt. „Das ist ganz normal.“ Sie beide haben Zweifel.

Project Honeygate

Die USA sind honighungrig, kein anderes Land importiert mehr. Es braucht billigen Industriehonig, um Lebensmittel zu versüßen. Der kam damals meist aus China. Doch die mächtige Imkerlobby setzte durch, dass ab 2001 hohe Schutzzölle von über 200 Prozent auf chinesischen Honig erhoben werden.

Wolff baute ein System auf, um sie zu umgehen, indem Honig aus China so lange verschnitten und gefiltert wurde, bis seine Herkunft nicht mehr nachzuweisen war. Dann wurde die Rohware in ein Drittland exportiert, mit neuen Papieren ausgestattet und unter falschem Label in die USA geschifft.

Die Kunden wussten das. Die Ermittler der Sondereinheit „Project Honeygate“ klagten später auch zwei US-Unternehmen an. „Wolffs Mülleimer“ wurden sie intern genannt. Vor Gericht bekannten sich die Firmen schuldig, an der Unterschlagung von 180 Mio. Dollar an Schutzzöllen beteiligt gewesen zu sein. Nicht nur Wolff hatte sie mit China-Honig beliefert. Aber die Deutschen verdienten prächtig an den Deals. Im Geschäftsbericht 2006 heißt es: „Neben der nachhaltig positiven Entwicklung unserer Tochtergesellschaft Alfred L. Wolff Inc., Chicago, USA, ist insbesondere die Steigerung in China (+100 %) erfreulich.“