TechnologieKünstliche Intelligenz - Hype oder Hoffnung?

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Nur 1,5 Mio. Euro Kapital

Die beiden Gründer Tina Klüwer und Christian Wolf kennen das Problem. Klüwer, 36, eine zupackende Frau mit angedeuteter Prinz-Eisenherz-Frisur, hat zehn Jahre lang zu KI-gesteuerter Sprachtechnologie geforscht – auch am DFKI. Wolf, 40, graue Schläfen und besonnener Umgang, hat Wirkaufens.de gegründet, eine Plattform für gebrauchte Produkte. 2015 kreuzten sich Wolfs und Klüwers Wege. Sie starteten Parlamind. Ihr Produkt: Chatbots für den Kundenservice. Der Dialogroboter kann für Onlineshops Routineaufgaben übernehmen, eingehende Nachrichten vorsortieren, lernen und so mehr und mehr Kundenfragen beantworten.

Ähnliche Chatbots haben inzwischen viele Firmen im Angebot – das Parlamind-Produkt sei dennoch einzigartig, betonen die Gründer. Es sei „eine ganz bestimmte Kombination von verschiedenen Machine-Learning-Ansätzen, neuronalen Netzen und Komponenten, die wir selbst entwickelt haben“, sagt Klüwer. Und Wolf wirbt: „Bei einem Neukunden aus dem E-Commerce würden wir sofort 60 Prozent der eingehenden Kommunikation verstehen.“

Im Parlamind-Büro im Berliner Kollwitz-Kiez arbeiten 17 Angestellte. Dass es noch nicht mehr sind, liegt auch an der Knausrigkeit der deutschen Investoren. „Wir spüren im Moment schon, dass wir gerade in dieser Phase sind, wo es echt schwierig ist“, sagt Wolf. „Wo du eigentlich noch einmal Geld für Technologie und Produkt bräuchtest, aber der Markt dir das nicht zugesteht. Da kämpfen wir aktuell auch mit.“

1,5 Mio. Euro hat das Start-up 2016 von Geldgebern eingesammelt (auch Westerheide war dabei), jetzt wäre es Zeit für eine größere Runde. Doch diese Wachstumsfinanzierungen mit mittleren einstelligen Millionenbeträgen sind für deutsche Start-ups besonders schwierig zu bekommen. Denn für internationale Investoren ist das zu klein, den deutschen ist das Risiko schon zu hoch.

Auf 500 bis 600 Mio. Euro schätzen Wirtschafts- und Finanzministerium die „Angebotslücke in der Start-up- und Wachstumsphase“. Nach OECD-Zahlen wird in den USA in Relation zum BIP zwölfmal so viel Risikokapital investiert wie in Deutschland. „Wir haben mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie die meisten anderen deutschen Start-ups“, sagt Wolf, „vielleicht noch ein bisschen mehr, wegen der komplexen Technologie.“

Wer in der KI-Szene herumfragt, was derzeit das heißeste Start-up sei, dem kommt ein Name unter, der eigentlich nicht neu ist: Linguee aus Köln. Eine Firma, die 2009 mit einem Onlinewörterbuch startete, nur 800.000 Euro an Investorengeldern aufnahm, dafür seit 2013 profitabel ist, 22 Mitarbeiter beschäftigt und immerhin 230 Millionen Seitenaufrufe im Monat schafft.

Ende der Träumerei

Jaroslaw Kutylowski führt durch das Büro in einem Glasturm im Kölner Mediapark, in dem ein paar bunte Sitzsäcke Start-up-Geist versprühen sollen. Kutylowski ist CTO, der Gründer und Chef Gereon Frahling hat nach dem Wirbel im Sommer keine Lust mehr auf Interviews.

Der Wirbel: Das war im August, als Linguee aus einem Spaßprojekt Ernst machte. Nebenher hatten Mitarbeiter über Monate mit neuronalen Netzen experimentiert und ein Übersetzungsprogramm gebaut. Irgendwann stellten sie fest, dass die Ergebnisse phänomenal waren, es in Tests sogar besser abschnitt als die Programme von Google, Facebook und Microsoft. Im Spätsommer veröffentlichten sie den Übersetzer unter dem Namen DeepL.

Die Geschichte schlug ein: ein kleines Team aus Köln, das dem Silicon Valley Paroli bietet. Linguee hätte jetzt die Chance gehabt, ganz groß aufzudrehen. Große Investoren an Bord zu holen, Sales-Leute einzustellen, neue Anwendungen zu suchen – ja zu versuchen, das deutsche Deepmind oder mehr zu werden. Klar, man könne sich einiges vorstellen, sagt Kutylowski, zum Beispiel „die Möglichkeit, mit allen Menschen auf der Welt barrierefrei zu sprechen, wäre toll“. Und schiebt dann hinterher: „Wir haben aber noch ein paar Jährchen bis dahin. Wie sich das entwickeln wird, das wird man sehen müssen.“ Ende der Träumerei.

Es ergeben sich aus dieser Geschichte zwei Szenarien für die deutsche Wirtschaft. Es kann sein, dass sich unsere Weltmarktführer erfolgreich mit KI dopen und die Vormachtstellung in ihren Nischen behalten. Wenn man glaubt, dass es neue Firmen sein werden, die in der KI-dominierten Wirtschaft von morgen den Ton angeben, dann sieht es nicht gut aus für Deutschland. Weil wir jetzt, im Moment der Weichenstellung, die Experten aus der Hand geben. Weil wir nicht den Mut haben, das Risiko zu finanzieren. Und wirklich groß zu denken.