TechnologieKünstliche Intelligenz - Hype oder Hoffnung?

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Steuergeld für Google

Wozu aber dieser Wettstreit? Um Brettspiele geht es Google natürlich nicht – die Software kann etwa bei der Arzneimittelforschung eingesetzt werden; indem sie Formen von Proteinmolekülen vorhersagt.

Deepmind hätte es ohne Schmidhuber nicht gegeben: Der Mitgründer Shane Legg war sein Doktorand, drei weitere Deepmind-Köpfe haben bei ihm promoviert. „Seit den 90er-Jahren haben europäische Steuerzahler die Forschung finanziert, die jetzt einigen der wertvollsten amerikanischen und asiatischen Firmen dient“, stellte Schmidhuber vergangenes Jahr fest.

Auch das DFKI hat der Braindrain erfasst. Gerade lockte der chinesische PC-Hersteller Lenovo die Sprachtechnologieexpertin Xu Feiyu weg. Xu wurde in den 90er-Jahren an der Universität des Saarlandes ausgebildet und arbeitete lange am DFKI. Sie leitet in Peking nun das KI-Labor. Auch ihr Mann Hans Uszkoreit, ein Urgestein des DFKI, arbeitet als Berater für Lenovo.

Dass das DFKI für die meisten seiner Leute nur ein Sprungbrett ist, damit muss Institutschef Wahlster leben. Die Durchlässigkeit zur Industrie ist ohnehin hoch – viele Projekte werden mit den Unternehmen, die als Gesellschafter hinter dem Institut stehen, durchgeführt. Mit diesem Setup war das DFKI bislang erfolgreich, und so will Wahlster auch die deutsche Wirtschaft für das KI-Zeitalter fit machen. „Wir injizieren KI in die Exportschlager der deutschen Industrie“, sagt er. Aber kann diese traditionelle Strategie gegen die entfesselten Amerikaner und Chinesen funktionieren?

Auf solche Einwände reagiert der Professor mit einer Mischung aus Unverständnis und Optimismus. Deutschland, argumentiert Wahlster, müsse seine Stärke bei physischen Produkten nutzen und diese mit KI auf ein neues Qualitätslevel heben. „Unsere deutschen Autos sind schon Spitzenklasse, die wollen wir durch KI weiter aufpeppen. Wenn wir unsere Werkzeugmaschinen intelligent machen, muss uns das erst mal jemand nachmachen.“

Wahlster geht fest davon aus, dass die deutsche Industrie in der Lage sein wird, auch den nächsten Technologiesturm durchzustehen. „Da wir hier Weltmarktführer auf vielen Gebieten haben, ist es besser, deren Vorsprung noch weiter auszubauen, als krampfhaft etwas Neues zu versuchen. Es wäre eine falsche Strategie, darauf zu spekulieren, dass uns hier Google II oder Facebook III gelingt. Das ist völlig unrealistisch.“

Viele Gründer und Investoren in der KI-Szene sehen das naturgemäß anders. Einer der Wortführer ist Fabian Westerheide. Westerheide, gerade mal 31, kommt aus dem Berliner Biotop des E-Commerce und der Lieferdienste, vor drei Jahren gründete er den Fonds Asgard, der ausschließlich in KI-Start-ups investiert.

Über die deutsche Landschaft hat keiner einen besseren Überblick als er. Westerheide kann auch im Schwall druckreif reden, minutenlang, bis sein bestelltes Frühstück im Restaurant Chipps – Rührei, Baked Beans, Würstchen – kalt wird.

Erstens: das DFKI. „Es macht zwar wunderbare Arbeit“, sagt Westerheide – weil es aber von Konzernen finanziert sei, „gehen die Forschungsergebnisse zurück in die Konzerne“. Start-ups hingegen kämen am DFKI quasi nicht vor. „Es gibt zwar Ausgründungen, aber selten wirklich aggressive.“ Doch was es bräuchte, seien schnell wachsende Jungunternehmen – denn KI sei immer etwas sehr Junges, Innovatives.

Aus dem DFKI sind einige Spin-offs hervorgegangen, gut 80 über die Jahre, doch längst nicht alle haben KI als Kern ihres Geschäftsmodells.Die mit Abstand erfolgreichste Ausgründung, die Cybersecurity-Firma Sirrix, ging 2015 für kolportierte 100 Mio. Euro an den Elektronikkonzern Rohde & Schwarz.

Zweites Problem: So ein Millionen-Exit ist die absolute Ausnahme. Westerheide zum Beispiel finanziert keine generalistischen KI-Start-ups, sondern nur anwendungsorientierte. Der Grund: „Weil ich sie nicht verkauft bekomme. In den USA würde das gehen. Aber die deutschen Unternehmen sind geizig.“ Und dann ist da noch ein dritter Mangel: „Die Start-ups haben wahnsinnige Schwierigkeiten, sich zu finanzieren“, klagt Westerheide. „Die Investoren wollen auf Nummer sicher gehen – und finanzieren lieber das nächste Ma-tratzen-Start-up oder den nächsten Kaffeekapselverkäufer.“