TechnologieKünstliche Intelligenz - Hype oder Hoffnung?

Diese Fotos wählte kein Mensch aus, sondern eine Software hat das Motiv ausgewählt. Dafür wurde ein Algorithmus des Berliner Start-ups EyeEm mit 100 Bildern aus dem Capital-Archiv gefüttert, um die Ästhetik und Bildsprache des Magazins zu lernen. Das Bild suchte das Programm zum Thema „künstliche Intelligenz“ ausEyeEm

Im August dieses Jahres bekommt Wolfgang Wahlster einen verlockenden Anruf aus dem Silicon Valley. Wahlster, vor dessen Namen ein Prof. Dr. rer. nat. Dr. h. c. mult. steht, ist eine Koryphäe auf einem Gebiet, das derzeit die ganze Welt elektrisiert: künstliche Intelligenz. Er hat das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) aufgebaut, 1988 gegründet, 900 Mitarbeiter an vier Standorten. Ein Public-Private-Partnership-Projekt von drei Bundesländern und über 20 Unternehmen wie SAP, Airbus und Bosch. Vor allem aber ist das DFKI weltweit führend und anerkannt.

Der Anrufer aus den USA sitzt ganz oben bei einem der ganz Großen und hat ein attraktives Angebot: Er möchte Wahlster abwerben, er soll die gesamten Aktivitäten für künstliche Intelligenz (KI) leiten. Wahlster fühlt sich geehrt, aber wundert sich auch, schließlich ist er 64 Jahre alt. Und er hat hier Verantwortung für all das, was er über 30 Jahre aufgebaut hat, und für seine 900 Mitarbeiter. Die könne er nicht im Stich lassen, sagt der Professor. Bringen Sie die einfach mit, sagt der Techvorstand am anderen Ende der Leitung. Wir bezahlen mehr, und wir bezahlen alles.

Jahrelang haben sich vor allem Fachleute für Wahlsters Forschungszentrum interessiert. KI war etwas für Hollywood und wilde Utopien, aber nichts für den Alltag. Und so ist der Anruf aus dem Silicon Valley vor allem ein Symbol und Fanal: ein Symbol für ein Beben, das die gesamte Wirtschaft erfasst hat. Und ein Fanal, dass Deutschland mal wieder führend in der Forschung ist, aber andere Länder wie die USA das große Geschäft machen.

Künstliche Intelligenz ist seit einiger Zeit allgegenwärtig geworden, sie saust als Buzzword und in Schlagzeilen um uns herum, wir lesen von Computern, die sich in Windeseile immense Fähigkeiten aneignen können: Sie lernen das chinesische Brettspiel Go, sie lenken Autos und übersetzen in 20 Sprachen, sie analysieren Blutproben und Mammografien, sie schreiben, verstehen Texte und erkennen Bilder, sie sind als smarte Assistenten in unserem Smartphone und Alltag – und vor allem: Sie werden immer besser. Sie lernen selbst, ganz von allein.

Die KI-Welle hat die gesamte Wirtschaft erfasst, es ist die Revolution in der Revolution, die Umwälzung in der Umwälzung, die wir Digitalisierung nennen: Denn ging es früher vor allem um Daten und Vernetzung, sind es nun intelligente, selbst lernende Systeme, die den nächsten Technologiesprung bringen – und damit neue Produkte, neue Unternehmen, neue Märkte und Marktführer, Geschäfte, die wir bisher für undenkbar hielten.

1500 Mrd. Wertschöpfung

Bis 2030 wird KI für zusätzliche Wertschöpfung in Höhe von über 1 500 Mrd. Dollar sorgen, prognostizieren die Berater von PwC. Kaum ein Produkt, kaum eine Dienstleistung wird ohne KI wettbewerbsfähig sein. Und so ist ein großes Rennen eröffnet: Welche Unternehmen, welche Volkswirtschaften werden bei KI führen und welche abgehängt werden? „Wer dieses Rennen gewinnt, wird das nächste Kapitel des Informationszeitalters dominieren“, sagt der KI-Experte Pedro Domingos. Andrew Ng, Informatiker und Ikone der KI-Branche, vergleicht die Auswirkungen mit dem Beginn des Elektrizitätszeitalters: „Mir fällt es schwer, an eine Branche zu denken, die in den nächsten Jahren nicht von KI transformiert werden wird.“ Und auch die Politik hat das Thema erreicht. KI „dürfte die nächste Zeit prägen“, hat Angela Merkel erkannt. Oder mit den Worten von Russlands Präsident Wladimir Putin: „Wer in diesem Bereich führend sein wird, wird die Welt beherrschen.“

Deutschland hätte für das epische Rennen eigentlich eine günstige Ausgangsposition. Da ist das DFKI mit seinen Filialen in Saarbrücken, Kaiserslautern, Bremen und Berlin – die größte Forschungseinrichtung der Welt. In Tübingen und Stuttgart entsteht rund um das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme die KI-Forschungsoffensive Cyber Valley mit Industriepartnern wie Porsche, ZF, Facebook und Amazon.

Man sei im internationalen Vergleich „hervorragend aufgestellt“, heißt es aus dem Bundesforschungsministerium. „Wir spielen in der Champions League der KI-Forschung“, sagt DFKI-Chef Wahlster.

Nur: Im Moment deutet wenig darauf hin, dass aus der wissenschaftlichen Exzellenz auch wirtschaftlicher Erfolg erwachsen könnte. Verantwortlich dafür sind Amerikaner und Chinesen, deren milliardenschwere Techkonzerne mal wieder schneller sind und viel mehr Geld in die Hand nehmen.