KommentarBitcoin ist nicht das, was Sie glauben

Kryptowährung Bitcoin-Darstellung
Bitcoin-Darstellung: Ist das virtuelle Zahlungsmittel tatsächlich eine Währung?

Man kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass die Kryptowährung Bitcoin schneller im Wert gewachsen ist als jedes andere Wirtschaftsgut in der Geschichte. Wenn man die 11.000 Dollar pro Bitcoin – das war der Kurs am Mittwoch – mit dem Mai 2010 vergleicht, als ein Programmierer aus Florida für 10.000 Bitcoins zwei Pizzas kaufte, ist das ein prozentualer Wertzuwachs von mehr als 250 Millionen.

Die Aufmerksamkeit für die Kryptowährung wirft viele Fragen auf, vor allem ob der Hype um den 10-fachen Wertzuwachs von Bitcoin in diesem Jahr in einem Crash enden wird.

Die größere Frage für Kaufinteressenten ist aber, was Bitcoin eigentlich darstellt. Satoshi Nakamoto, ein Pseudonym für den Erfinder der Kryptowährung, entwarf sie 2009 als sichere Online-Alternative zu Bargeld. Eine Möglichkeit, Zahlungen zu tätigen, ohne das Vertrauen und die Schecks des bankbasierten Dollarsystems zu nutzen.

Bitcoin verfehlt seinen Zweck

„Bitcoin ist ein schönes mathematisches Objekt“, sagt Yves Choueifaty, der einen Bitcoin-Fonds bei Tobam aufgelegt hat. Tobam ist ein von Choueifaty gegründeter französischer Vermögensverwalter.

Doch auch wenn die Digitalwährung eine wunderbare akademische Kreation sein mag, tut die Kryptowährung nicht das, was sein Gründer sich vorgestellt hat: Transaktionskosten zu senken und „kleine gelegentliche Transaktionen“ zu ermöglichen.

Stattdessen werden Bitcoins von Libertären und Hartwährungsenthusiasten gehortet, die befürchten, dass die Zentralbanken ihre Bilanzen aufblähen. Und außerdem zieht die Kryptowährung Horden von Spekulanten an, die mit den wilden Preisschwankungen ihr Glücksspiel betreiben.

Alles, was ich gerade geschrieben habe, wird Kryptowährungsfans wütend machen. Gehen wir also die drei Rollen einer Währung durch:

  • Tauschmittel. Wenn man jemanden nicht damit bezahlen kann, ist es definitiv kein Geld.
  • Wertspeicher. Eine Währung sollte ein Mittel sein, um Ersparnisse zu halten. Und wegen ihrer Funktion als Tauschmittel sollte das bequemer sein als sein Erspartes in Eigentum, Gold oder Vieh aufzubewahren.
  • Rechnungseinheit. Andere Dinge sollten in der Währung bewertet werden: die Konten eines Unternehmens oder der Preis von Eigentum, Kühen und allem anderen.

Bitcoin ist ein armseliges Tauschmittel, weil relativ hohe Gebühren anfallen, damit einer Transaktion auf den Computern der Bitcoin-„Schürfer“ Vorrang eingeräumt wird. Diese Leute betreiben die als Blockchain bekannte auf vielen Rechnern verteilte Datenbank. Am Mittwoch warteten 70.000 Trades auf ihre Abwicklung. Das ist ziemlich normal. Im Mai waren es sogar einmal 230.000 und Transaktionen mit geringen Gebühren warten manchmal Tage auf ihre Bestätigung.

Zur Wertaufbewahrung kaum geeignet

Fans verweisen als Beweis für den Erfolg der Digitalwährung häufig auf die Zahl der Geschäfte, die Bitcoin akzeptieren. In diesem Jahr sind Dutzende von neuen Fonds, börsennotierten Vehikeln und Apps mit dem Verkaufsargument gestartet, sie erleichterten Investoren den Einstieg in Bitcoin. Wenn es einfacher ist, an Bitcoins durch den Kauf eines börsennotierten Unternehmens zu gelangen als Bitcoins zu kaufen, ist eine weite Verbreitung in naher Zukunft unwahrscheinlich.

Die Kryptowährung ist auch als Wertaufbewahrungsmittel kaum geeignet. Ein Investor, der zu Beginn des Jahres 1000 Dollar eingezahlt hat, mag dem nicht zustimmen, da die Bitcoins mittlerweile einen Wert von mehr als 10.000 Dollar haben. Der eigentliche Sinn der Wertaufbewahrung ist es jedoch, dass man sich einigermaßen sicher über den künftigen Wert ist. Der Dollar verliert durch die Inflation an Wert, aber wenn die US-Notenbank Fed ihre Arbeit richtig macht, sollte der Wert langsam und einigermaßen vorhersehbar erodieren. Bei Bitcoin gab es dagegen in diesem Jahr fünftägige Zeiträume, in denen der Wert um 44 Prozent bzw. 25 Prozent gegenüber dem Dollar zulegte.

Die Lagerung von großen Mengen Bitcoins ist auch ein Problem. Für alle, die es als „digitales Gold“ ansehen, halten Bitcoin-Fonds physischen Safes bereit – in denen mit kryptographischen Schlüsseln bedruckte Papierbögen lagern. Damit soll die Kryptowährung vor Hackern und Mitarbeitern geschützt werden. Viel bequemer als echtes Gold ist das nicht, zumal die Fondsgebühren oft höher sind als bei Goldfonds.

Hohe Erwartungen, unsichere Aussichten

Die Preisvolatilität der Digitalwährung würde keine Rolle spielen, wenn es sich um eine Rechnungseinheit handeln würde. Wie Choueifaty sagt, hat Bitcoin aus Bitcoin-Perspektive keine Volatilität, weil 1 Bitcoin immer 1 Bitcoin wert ist. Der Grundpreis wird aber in traditionellen Währungen festgelegt, so dass der Bitcoin-Preis von Pizzen und anderen Dingen wilden Schwankungen unterworfen ist, je nach dem wie sich der Wechselkurs bewegt.

Natürlich kann die  Technologie verbessert werden, und andere Kryptowährungen bieten eine Fülle von Alternativen. Neue Versionen – Bitcoin-Bargeld, -Gold und in der vergangenen Woche -Diamanten – spalten sich ab. Technologische Weiterentwicklungen ermöglichen kleine Transaktionen außerhalb der Blockchain, wodurch die Kosten sinken. Und Unternehmen, die Bitcoin-Geldbörsen betreiben, können sich wie Banken verhalten, indem sie Transaktionen zwischen ihren Kunden ausgleichen.

Aber momentan sieht es so aus, dass die größte Hoffnung der Kryptowährung darauf beruht, immer mehr Käufer anzulocken, die ihre Ersparnisse der Blockchain anvertrauen wollen – und Spekulanten, die darauf wetten, dass diese Leute kommen. Der sprunghaft Preisanstieg zeigt, dass die Erwartungen hoch sind. Aber wie der Finanzhistoriker und Berkeley-Wirtschaftsprofessor Barry Eichengreen sagt: „Erwartungen können sich ändern.“

Copyright The Wall Street Journal 2017