FinanzevolutionKrypto-Evolution: Vom Stable Coin zum EuroCoin?

Wie wahrscheinlich ist ein von der EZB herausgegebener Krypto-Euro?Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Viele Bedingungen mussten erfüllt sein, damit überhaupt Leben auf unserem Planeten entstehen konnte und durch Variationen der Umweltbedingungen die Evolution von Leben voranschreiten konnte. So soll es winzigen Cyanobakterien zu verdanken sein, dass der lebensspendende Sauerstoff in die Atmosphäre gelangen konnte. Später sind aus mikrobischen Einzellern komplexe Lebewesen entstanden, die heute Quantencomputer bauen und sich komplizierte Regeln für Finanzmärkte ausdenken.

Einen Evolutionsschub für das Finanzwesen hat auch das 2008 unter dem Pseudonym “Satoshi Nakamoto” erschienene Arbeitspapier “Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System” ausgelöst. Dieser mikrobische Einzeller der Blockchain-Technologie ist elf Jahre nach seiner Entstehung verantwortlich für vielfältige Innovationen für unterschiedlichste Anwendungsbereiche (siehe z.B. hier und hier) und schickt sich tatsächlich an, das Finanzwesen nachhaltig zu verändern.

Mit Hilfe der Blockchain_Technologie können nach herrschender Auffassung Vermögensansprüche, Rechte und Schuldverhältnisse durch digitale Token repräsentiert werden. Man spricht daher auch von Tokenisierung. Technisch realisiert wird dies mit Varianten der Distributed-Ledger-Technologie (DLT). Sie hilft Verfügungsrechte über materielle und immaterielle Güter über kryptografische Verfahren manipulationssicher dezentral und digital zu dokumentieren und vor Fälschung und Duplizierung zu schützen. DLT und Blockchain könnten somit im Idealfall als ein digitales Vertrauensprotokoll fungieren.

Zu den vieldiskutierten Neuerungen gehören auch Stable Coins. Sie zeichnen sich durch ein festes Verhältnis zu einem Basiswert aus und sollen dessen Wertentwicklung im Idealfall exakt nachbilden. Solche Basiswerte können zum Beispiel Edelmetalle (Digix Gold, Basiswert 1 Gramm Gold), Währungen (Tether, Basiswert 1 US-Dollar) oder ein Korb verschiedener Währungen (Libra) sein.

Zwei Entwicklungen befeuern die aktuelle Debatte über sogenannten Stable Token oder auch Stable Coins beschleunigt:

  1. Die veröffentlichte Blockchain-Strategie der Bundesregierung.
  2. Die Ankündigung eines Konsortiums von 21 Unternehmen, ein weltweites Ökosystem für das Zahlungsmittel “Libra” zu schaffen.

Warum überhaupt digitale Token?

Wer etwa die Verfügungsrechte an einem Gramm Gold, einem Euro oder einen Korb verschiedener Währungen übertragen möchte, der muss diese Basiswerte nicht mehr anfassen, sondern überträgt z.B. über eine Smartphone App einen digitalen Token über eine sogenannte Wallet (eine Art elektronische Geldbörse) direkt an den Empfänger. Was einfach klingt setzt im Hintergrund einen entsprechenden institutionellen Rahmen und eine komplizierte technische Infrastruktur voraus. Daneben ist eine Portion Vertrauen erforderlich, dass die Token korrekt übertragen und bei Bedarf wieder zurück in den Ursprungswert getauscht werden können.

Das ist erstmal nichts Neues. Währungen lassen sich bereits heute über bestehenden Angebote von Banken einfach und im Falle der Instant Payments, also sogenannten Echtzeitüberweisungen schnell übertragen. Allerdings hat die Übertragung digitaler Token einige Vorteile. So werden herkömmliche Geldtransfers über eine Kette von Konten (das eigene Konto, interne Abwicklungskonten der eigenen und der Bank des Empfängers sowie ggf. Konten einer Verrechnungsstelle) abgewickelt. Dies wäre dann nicht mehr erforderlich. Blockchainbasierte Zahlungen werden in einer einzigen Datenbank dokumentiert, auf die dann autorisierte Teilnehmer zugreifen können. Über entsprechende Protokolle und Überprüfungsmechanismen wird sichergestellt, dass diese Daten nicht manipulierbar sind. Ein Bankkonto wäre für solche Transaktionen nicht mehr notwendig. Manche sprechen daher auch von “kontolosen Zahlungen”.

Die  Vorteile für komplexe arbeitsteilige Prozesse: Bestätigungen und Abstimmungsprozesse könnten schneller erfolgen oder ganz entfallen. Dies gelte insbesondere für grenzüberschreitenden Zahlungen, die Banken bislang über ein internationales Netzwerk bilateraler Kontobeziehungen abwickeln. Lange Abwicklungsketten und fehlende Standardisierung führen hier zu relativ hohe Entgelten und langen Laufzeiten.

Außerdem lassen sich Zahlungen an beliebige programmierbare Bedingungen knüpfen und dadurch automatisch auslösen. Die Fachwelt spricht hier von Smart Contracts. Sie gelten als in Computerprogramme umgesetzte Verträge, mit denen Daten aus verschiedenen Informationsquellen überwacht und ausgewertet werden. Sind zuvor festgelegte Bedingungen erfüllt, führt der Softwarecode des Smart Contracts selbstständig einen Befehl aus, wie eine Zahlung oder die Übertragung von Verfügungsrechten (über Anwendungen von Smart Contracts im Finanzbereich siehe diese Kolumne).

Bundesregierung möchte Stable Coins aber kein Libra

Die Bundesregierung fordert in ihrer im Spätsommer 2019 vorgestellten Blockchainstrategie wertstabile Zahlungsmittel in einer Blockchain-Umgebung. Als Lösungsmöglichkeit sieht sie die Stable Coins, deren Stabilität durch die Bindung an staatliche Währungen oder liquide Vermögenswerte sichergestellt wird. Sie weist auf Seite 8 ihres Papiers darauf hin, dass über die E-Geld-Richtlinie der Europäischen Union grundsätzlich bereits ein rechtliche Grundlage für Stable Coins bestehe.

Einerseits unterstützt die Bundesregierung also Stabel Coins, andererseits setzt sie sich auf europäischer und internationaler Ebene dafür ein, dass diese keine Alternative zu staatlichen Währungen bilden. Unklar bleibt dabei, nach welchen Kriterien ein Stable Coin eine Alternative zu einer staatlichen Währung darstellt. Deutschlands Finanzminister Olaf Scholz macht aber in jüngster Zeit deutlich, dass er die Kryptowährung Libra ablehnt. Bei Libra (siehe dazu die Kolumne Wird Libra ausgebremst?) ist derzeit nicht einmal klar, ob dieses Instrument wirklich an den Start gehen kann. Bereits vor dem Start lastet erheblicher  aufsichtsrechtlicher und politischer Druck auf der in der Schweiz angesiedelten Libra Association (siehe hier aufsichtsrechtliche Einschätzung der schweizer Finanzaufsicht FINMA). Und noch vor dem für 2020 vorgesehenen Start bröckelt das so mächtig erscheinende Konsortium.

Bundesbank sieht digitales Zentralbankgeld kritisch

Die Bundesregierung signalisiert allerdings starkes Interesse an digitalem Zentralbankgeld, also einem Euro Token, den die Europäische Zentralbank herausgibt. An ähnlichen Instrumenten arbeiten u.a. bereits die Schwedische Reichsbank mit der E-Krona und China mit einer Art E-Yuan. Die Schweizer Nationalbank prüft, wie digitales Zentralbankgeld in der Abwicklung tokenisiertet Vermögenswerte zwischen Finanzmarktteilnehmern eingesetzt werden könnte.

Die Bundesbank selbst sieht digitales Zentralbankgeld kritisch, denn es könne je nach Ausgestaltung gravierende Auswirkungen haben, zitiert die FAZ Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Ein Cybergeld für Jedermann könne die Geschäftsmodelle von Banken grundlegend verändern.

Die Position der Bundesbank ist gut nachvollziehbar: Ein von der EZB herausgegebener Krypto-Euro könnte im Fall einer Bankenkrise nämlich ein Fluchtpunkt werden, weil er sicherer wäre als ein Guthaben bei einer kriselnden Bank. Ältere Semester werden sich daran erinnern, dass während der letzten Finanzkrise Unternehmen Konten bei der Bundesbank eröffnen wollten, weil sie ihr Geld dort sicherer wähnten als bei Geschäftsbanken. Möchte die Politik dennoch digitales Zentralbankgeld, dann bräuchte es wohl eine Obergrenze für die Verwendung.

Kommt tokenisiertes Geschäftsbankengeld?

Nach Auffassung der Bundesbank reiche für viele Anwendungsfälle tokenisiertes Geschäftsbankengeld. Die Commerzbank hat hier bereits erste Tests mit einer “Cash on Ledger”-Lösung zusammen mit Daimler für Machine-to-Machine-Zahlungen durchgeführt. Und auch die US Großbank JP Morgan Chase hat mit dem JPM Coin einen digitalen Token herausgebracht, der US-Dollar repräsentiert, die auf JP Morgan Chase Konten gehalten werden. Der Token richtet sich an institutionelle Kunden, die große Geldbeträge schnell bewegen müssen. Allerdings verbleibt auch dann ein Kreditrisiko, wenn Geschäftsbanken die Sicherheiten in Form liquider Einlagen halten. Denn diese können bekanntlich ausfallen.

Um das Kreditrisiko noch einmal deutlich zu reduzieren und gleichzeitig die Zentralbankgeldproblematik zu umgehen, könnten sich verschiedene Finanzdienstleister zusammentun und einen gemeinsamen EBC, also einen EuroBankCoin entwickeln. Der könnte ähnlich wie Libra konstruiert sein, wäre aber nur auf eine einzige Währung gestützt. Sicherheiten in Form von Bankguthaben und hochsicheren Wertpapieren könnten in einem Treuhandvehikel hinterlegt werden. Jedenfalls könnte dies eine interessantere Lösung werden als ein europäisches Pendant zu PayPal aufbauen.

Die Intensität der Aktivitäten von Technologie- und Finanzunternehmen sowie Zentralbanken mit Blick auf die Tokenisierung des Finanzwesens ist ebenso hoch, wie die politische Auseinandersetzung darüber. Daher dürfte die Wahrscheinlichkeit einer grundlegenden Änderung des internationalen Finanzwesens durch Tokenisierung mittlerweile deutlich höher liegen als die plötzliche Einstellung all dieser Aktivitäten.


Dirk ElsnerDirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Hier finden Sie weitere Kolumnen aus der Reihe Finanzevolution