SelbstversuchKontaktloses Bezahlen: „Es muss piepen! Es muss piepen!“

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München Hauptbahnhof, S-Bahn

Eine ÖPNV-Fahrkarte kontaktlos kaufen? Das geht in München am Hauptbahnhof zumindest nicht an der Gruppe von Automaten, die ich mir neben dem Abgang zum S-Bahn-Gleis ansehe. Dafür zeugen die obligatorischen Schleifspuren neben dem Münzschacht von den verzweifelten Versuchen vieler Kunden, ihre Münzen so lange zu polieren, bis der Automat sie annimmt.

Zwischenstand: Sieben Versuche, davon zwei erfolgreich. Ich nähere mich dem Schnitt Deutschlands mit 80 Prozent Cash-Transaktionen, wenngleich unfreiwillig.

Aschheim, Moxy-Hotel

Im seelenlosen Industriegebiet von Aschheim an der Stadtgrenze von München verschlägt es mich um kurz nach zehn am Morgen in das Moxy-Hotel. Ich habe einen Termin um elf in der Nähe, also etwas Zeit totzuschlagen und entscheide mich spontan für einen Espresso in der Hotel-Lobby.

Die Kette kenne ich aus anderen Städten, sie ist vom Betreiber Marriott als Antwort auch auf die Sharing-Welle gegründet worden. Sie hat meist nur schuhschachtelgroße Zimmer, aber eine opulente Bar, in die es Gäste aus den engen Zimmer ziehen soll. Alles ist arg parfümiert, es läuft viel und laute Musik, und die Einrichtung ist auf einen rohen Industrie-Chic getrimmt. Zielgruppe: Die Millennials und solche, die sich noch ein bisschen wie ein Millennial fühlen wollen. Oder zumindest so aufführen.

So wie ich mit meinem Bezahlarmband – unter dem im Übrigen nach sechs Stunden Tragen zu meinem Entsetzen ein leichter Ausschlag zu sehen ist, obwohl ich da ansonsten dermatologisch unempfindlich bin. „Kann ich den Espresso kontaktlos zahlen?“  „Na klar. Ich kenne das, macht meine Freundin auch oft“, erklärt mit die Mitarbeiterin hinter der Theke. „Aber hier macht das kaum einer.“ Aber einer muss es ja machen, also zahle ich den Espresso mit dem Handgelenk – neuer Zwischenstand: acht Versuche, dreimal Erfolg. Eine Bilanz, die sich am frühen Nachmittag gleichwohl deutlich eintrüben sollte.

München Hauptbahnhof, Toiletten „Rail and Fresh“

Geschenkt, dass auf dem Rückweg mit der S-Bahn nicht einmal ein Fahrkartenautomat auf dem Gleis stand. Ich bin am frühen Nachmittag wieder am Münchener Hauptbahnhof, um die Weiterreise nach Berlin anzutreten. Erst einmal muss ich von diversen Kaffees am Morgen rasch zur Toilette – wieder eine Situation, die für das kontaktlose Bezahlen eigentlich wie geschaffen ist. Schließlich soll ein Bedürfnis nicht am Kleingeld scheitern. Und tatsächlich wippen einige Menschen nervös am Zugang hin und her, sortieren sich für den geforderten Euro.

Bei Rail & Fresh muss man sich erst eine App herunterladen
Bei Rail & Fresh muss man sich erst eine App herunterladen

Kompliment an den Betreiber, dass am Zugangsautomaten das Schild „Bargeldlos bezahlen“ prangt. Da denkt einer mit! Wo, wenn nicht hier, hätte man es gerne schnell und bequem, um das Tor zu durchschreiten? Selbst „Apple Pay“ prangt als Logo auf dem Automat – potztausend! Die Zukunft des Payment-Markts, sie ist angekommen selbst in der Bahnhofstoilette.

Dachte ich. Dann sehe ich näher hin. Ich kann nicht etwa kontaktlos mit meinem Armband zahlen oder mit Karte oder Handy. Stattdessen ist am Automaten eine Schritt-für-Schritt-Anleitung angebracht, wie man kontaktlos bezahlen kann: Man soll erst den QR-Code scannen, dann die entsprechende App herunterladen und installieren, eine Bezahlmöglichkeit auswählen und hinterlegen, den geforderten Maschinencode angeben, „Pay“ drücken und auf eine Bestätigung warten – das ganze im Untergrund des Münchener Hauptbahnhofs mit entsprechendem Mobilfunknetz. Bis alle erforderlichen Schritte erfolgreich vollzogen sind, hat vermutlich auch die Hose eines disziplinierten Cashless-Fans einige Tropfen abbekommen.

Sicherheitshalber versuche ich, erneut zur Verärgerung der Menschen hinter mir, durch Vorhalten meines Armbands vor ein Lesegerät das Tor zu öffnen – aber das geht vielleicht mit den Trompeten von Jericho, sicher mit Bargeld, aber gerade ganz sicher nicht kontaktlos auf. Drücke ich die falschen Knöpfe? Auf alle Fälle drückt gerade mein vegetatives Nervensystem die innere „Abbruch-Taste“, ehe ein Unglück passiert – lieber cash zahlen und rein.

Eine App herunterladen, installieren, sich registrieren, ein Zahlungsmittel hinterlegen, einen Maschinencode eingeben, um bargeldlos aufs Klo zu können – man hätte gerne Mäuschen gespielt in dem Meeting, in dem diese Idee geboren wurde.

{Nachtrag vom 12.11.2018: Eine Branchenexperte wies mich in einer netten eMail hin, dass das App-System optional sei und das (gelbe) Terminal für die Kontaktlos-Zahlung nutzbar sei. Tatsächlich sieht die Vorrichtung auch so aus, aber in der Praxis erschloss sich mir die Optionalität nur schwer aufgrund des App-Textes direkt drüber – und waren auch meine praktischen Versuche nicht erfolgreich. Was im konkreten Fall noch das unangenehme Gefühl hinterlässt, es könnte womöglich für die Versuche zu Abbuchungen gekommen sein.}