Interview„Deutschland ist finanziell in einer sehr starken Position“

Der Ökonom Kenneth Rogoff beim Weltwirtschaftsforum in Davos
Der Ökonom Kenneth Rogoff beim Weltwirtschaftsforum in DavosFlickr / WEF (CC BY-NC-SA 2.0)

Capital: Herr Rogoff, die Konjunktur hat sich überall auf der Welt eingetrübt, die meisten Prognosen gehen nach unten. Ist die verhaltene Stimmung zu düster?

KENNETH ROGOFF: Ja und nein. Die Wirtschaft in den USA und Europa, vor allem in Deutschland, sehe ich optimistischer als derzeit der Konsens ist. Bei China bin ich nicht so optimistisch. Die Chinesen haben wirklich ein Problem mit ihrer Produktivität, die immer weiter sinkt. Historisch gesehen ist die wirtschaftliche Leistung der Chinesen natürlich unglaublich und bewundernswert. Doch das Modell der zentralen Steuerung der Gesamtwirtschaft stößt jetzt an seine Grenzen, das wird kein gutes Ende nehmen. China wird künftig weniger wachsen, und das spürt natürlich auch Deutschland.

Es gibt jetzt Stimmen, die sagen, dass die Erholung nach der weltweiten Finanzkrise 2009 vorbei sei.

Die wirtschaftliche Erholung nach der Finanzkrise – diese Anpassung dauert nach großen Krisen immer viele Jahre und ist schmerzhaft – geht weiter. Die Situation in Europa ist in meinen Augen beherrschbar, die Zinsen werden erst mal niedrig bleiben. Deutschland hat den Spielraum für einen großen fiskalischen Stimulus, den es in einem Abschwung nutzen sollte. Deutschland hat in den guten Jahren ein Puffer aufgebaut, den es einsetzen sollte, wenn sich das Wachstum abschwächt.

Was wäre denn Ihr Rat für Deutschland? Sollen wir neue Infrastrukturprojekte anschieben oder die Steuern senken, dass die Menschen mehr Geld haben, investieren und konsumieren?

Es gibt ja einige Studien des Internationalen Währungsfonds (IWF), die empfehlen, dass Deutschland in seine Infrastruktur investieren soll. Aber es gibt auch andere Wege, die Wirtschaft und die Nachfrage zu stimulieren. Das Wichtige ist doch: Deutschland ist in einer sehr starken finanziellen Position. Und derzeit sieht es weniger danach aus, dass Deutschland sein Geld dafür einsetzen muss, um andere Europäer mit einem Bailout zu retten. Deutschland hat also eine hohe Kapazität, um auf eine Krise zu reagieren, und ich bin optimistisch, dass die Deutschen es tun werden. Der Rückgang des Wachstums in Deutschland lässt sich allerdings mit dem Rückgang in China nicht vergleichen.

Aber die Chinesen haben doch auch großen finanziellen Spielraum, sie haben rund 3 Billionen an Währungsreserven und können auf jeden Einbruch reagieren…

Das stimmt. Aber die Chinesen haben kein Problem mit ihrer Nachfrage, sondern mit ihrer Produktivität. Wenn es nur darum ginge, dass ihre Export einbrechen, könnten sie die Nachfrage im Inland stimulieren. Aber China erlebt keinen Nachfrageschock, sondern eine Krise des Wirtschaftsmodells. Es fehlt an Innovationen, Entscheidungsträger auf der lokalen Ebene und in den Provinzen treffen aufgrund der Unsicherheit keine Entscheidungen, auch im Privatsektor sind viele Menschen verunsichert, wenn anderswo chinesische Manager verhaftet werden.

Aber tatenlos wird Peking nicht bleiben…

Die Regierung kann nicht wie früher mit einem Stimulus reagieren, was sie sonst immer getan hat, um Stabilität zu erreichen. Nehmen Sie etwa den Immobilienmarkt. Die haben doch schon so viele Quadratmeter pro Person wie in Deutschland. Da gibt es auch Grenzen, sonst schafft man nur neue größere Probleme. Ich glaube, China steht einfach am Ende des Weges ihres bisherigen Wirtschaftsmodells. Und die Zentralmacht hat Probleme damit, adäquat zu reagieren. Sie müssen ihre Wirtschaft reformieren.

Kommen wir zu den USA: Die Daten dort sind einerseits sehr gut, das Wachstum ist hoch, die Arbeitslosigkeit auf einem historisch niedrigen Niveau. Gleichzeitig explodiert das Defizit und das politische Washington ist gespalten und gelähmt. Wir sehen Sie Ihr Heimatland?

Gar keine Frage, die Vereinigten Staaten stehen immer noch sehr gut da und sind in einer starken Position. Die Zinsen sind vergleichsweise niedrig. Und: Der Dollar hat in seiner Bedeutung für das Finanzsystem noch zugelegt, er ist noch dominanter geworden. Die Amerikaner können also recht problemlos Schulden machen, es gibt immer noch genug Nachfrage nach US-Bonds. Die USA sollten sich bloß langfristiger Verschulden, also mit länger laufenden Anleihen. Derzeit verschulden wir uns kurzfristig, das ist billiger, aber macht uns auch verwundbarer. Ökonomisch stehen wir also sehr gut da.

Während die Politik gleichzeitig ein desaströses Bild abgibt.

Ja, politisch sind wir in einer furchtbaren Situation. In meinem Land findet ein intellektueller Krieg statt. Wir haben eine populistische Regierung, die sehr wahrscheinlich von einer weiteren populistischen Regierung abgelöst wird, nur dann von der linken Seite.