KolumneDer andere Zocker der Deutschen Börse

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Er geht, er bleibt, er geht, er bleibt, er geht doch. Über weite Strecken ähnelten die Nachrichten über den Vorstandschef der Deutschen Börse in den letzten Monaten einem Abzählreim mit Gänseblümchen. Nun verlässt Carsten Kengeter seinen Konzern zum Jahresende – und man kann nur feststellen: das ist eine zwar reichlich späte, aber gute Entscheidung. Weder die Beschäftigten in Frankfurt, noch die wichtigsten Aktionäre stehen noch hinter dem ehemaligen Investmentbanker. Mit den Aufsichtsbehörden hat es sich Kengeter gleich mehrfach verscherzt, vor Gericht geht das peinliche Verfahren gegen ihn weiter. Man muss es sich immer wieder auf der Zunge zergehen lassen: Ein Verdacht wegen Insiderhandel gegen den Chef einer Wertpapierbörse! Das gab es wohl in der ganzen Finanzgeschichte noch nie.

Auch die Zahlen sprechen nicht für den umstrittenen Manager: Die Börse wird ihre Ziele in diesem Jahr wohl verfehlen. Im abgelaufenen dritten Quartal hielt sich das Wachstum der Gewinne in Grenzen. Und nach der gescheiterten Großfusion mit der Londoner Börse verfestigte sich der Eindruck: Kengeter fällt auch strategisch nichts Wesentliches mehr ein.

Trotzdem hielt ein Mann bis zur letzten Sekunde geradezu halsstarrig an ihm fest: sein Aufsichtsratschef Joachim Faber. Der ehemalige Allianz-Vorstand war es, der Kengeter mit einem irren Aktienbonus überhaupt erst die ganz großen Probleme eingebrockt hatte. Immerhin über 10 Mio. Euro muss die Deutsche Börse als Unternehmen an Strafe zahlen. Dafür trägt Faber mindestens genauso viel Schuld wie Kengeter. Wider alle Kritiker und selbst wohlmeinende Berater wollte der Aufsichtsratschef den Vertrag seines wichtigsten Managers verlängern. Noch vor wenigen Tagen gab man sich in Frankfurt hoffnungsvoll, mit ein paar Geldstrafen davon zu kommen – und Kengeter für weitere fünf Jahre im Amt zu zementieren. Erst der Einspruch der Finanzaufsicht Bafin gegen einen Deal mit der Staatsanwaltschaft machte Faber letzte Woche einen Strich durch die Rechnung.

Wie Zocker am Pokertisch

Faber gehört zu den Menschen in der Wirtschaft, die sich gern besonders ehrpusselig geben. Auf verschiedensten Konferenzen über ethische Führung von Unternehmen hielt der Allianz-Mann über die Jahre seine Vorträge. Bis heute hält sich Faber in der Regierungskommission Corporate Governance. Die Zahl seiner Ehrenämter geht ins goldene Dutzend. Aber bei der Deutschen Börse hat Faber gleich gegen mehrere Grundsätze guter Unternehmensführung verstoßen – vor allem gegen das wichtigste Gebot überhaupt: die Verpflichtung zur Unabhängigkeit gegenüber dem Vorstand. Faber hat sich stattdessen über weite Strecken mit Kengeter gemein gemacht. Das ist der vielleicht wichtigste Vorwurf, den man ihm machen muss.

Bei den Fusionsverhandlungen mit der Londoner Börse haben sich beide wie Zocker am Pokertisch aufgeführt. Sie wollten den großen Deal um jeden Preis – und ließen dabei alle Vorsicht fahren. Die Deutsche Börse wird unter den Folgen noch lange leiden müssen. Faber sollte sich endlich seiner Mitverantwortung stellen: Er sollte den Nachfolger Kengeters noch ins Amt bringen, dann aber ebenfalls zurücktreten.