Business as UsualJobfrust - es passt nicht mehr

Als Ricarda vor mehr als 15 Jahren bei einem mittelständischen Industrieunternehmen anfing, war sie gerade einmal 19. Nach der Ausbildung machte sie zunächst eine Mutterschutzvertretung in der Personalabteilung, dann stieg sie weiter auf, bis sie am Schluss das gesamte Marketing verantwortete. Sie kennt das Unternehmen wie keine Zweite und war über viele Jahre eine echte Bank: kompetent und geschätzt aufgrund ihrer immer hilfsbereiten Art.

Als ich sie allerdings kennenlernte, rollten die Kollegen schon mit den Augen, wenn nur ihr Name fiel: Aufgrund ihrer passiven, fast aggressiven Art und eines ewig muffigen „Geht nicht“ als Grundhaltung war sie zum echten Problem geworden.

Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass sich das langsam und schleichend mit einem Wechsel in der Geschäftsführung verändert hatte. Am Anfang taten alle ihr Verhalten als „Phase“ ab, aber es wurde einfach nicht wieder besser – und irgendwann war es dann einfach so. Wirklich hinterfragt hat das keiner, genervt waren alle. Da war es nun, das Problem, und wurde immer größer.

Aus dem Unternehmen herausgewachsen

Capital 02/2017
Die aktuelle Capital

Ich will es nicht spannender machen, als es ist, denn die Auflösung war am Ende ganz einfach: Eine Mitarbeiterin, die mit jugendlichem Elan und Engagement über Jahre ihren Job gemacht hatte, war einfach aus dem Unternehmen herausgewachsen. Mit all den kleinen und großen Veränderungen, die im Rahmen des Geschäftsführerwechsels eingetreten waren, haben das Unternehmen und Ricarda immer weniger zusammengepasst. Es hat sich nur keiner getraut, das so zu sehen, geschweige denn auszusprechen. Denn als neuer Chef trennt man sich nicht unbedingt direkt von einer erfahrenen und kompetenten Mitarbeiterin. Und aufseiten der loyalen Mitarbeiterin war die Möglichkeit, das Unternehmen zu verlassen, nie wirklich in Betracht gezogen worden – zu groß die Verbundenheit.

Als all das an die Oberfläche geholt war, hat der neue Chef sich für das jahrelange Engagement bedankt und ihr mit einem großzügigen Angebot eine Brücke gebaut, das Unternehmen zu verlassen. Ricarda hat angenommen, ein Abendstudium begonnen und sich einen neuen Job gesucht. Und schlussendlich ist man im wirklich Guten auseinandergegangen. Ende gut, alles gut.

Warum ich Ihnen diese Geschichte erzähle? Weil ich weiß, dass Ricarda kein Einzelfall ist. Und ich Sie dafür sensibilisieren möchte, dass es insbesondere sehr engagierten und eng verbundenen Mitarbeitern oft schwerfällt, sich von einem Unternehmen zu trennen. Und ich finde, dass es zu den Aufgaben einer guten Führungskraft gehört, die Entwicklung ihrer Mitarbeiter nicht nur im Blick zu haben, sondern diese auch aktiv zu begleiten. Auch wenn das wie bei Ricarda vielleicht bedeutet, dass diese außerhalb des eigenen Unternehmens weitergeht.


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der BerufsweltAnne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt

 


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