ManagementKannibalisieren Sie sich selbst!

Lars Vollmer
Lars Vollmer
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Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Autor. Vor kurzem ist sein Buch erschienen: „Zurück an die Arbeit! Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden“, Linde Verlag, Wien


Bloß weil das Unternehmen nach 13 Jahren stetigen Wachstums in einem einzigen Quartal einen Gewinnrückgang verzeichnet, sprechen plötzlich alle von der Trendwende, Talfahrt oder gar Krise. Als gäbe es einen guten Grund dafür, dass das Unternehmen permanent wachsen solle oder könne. Also ich sehe keinen.

Sie wissen, wovon ich spreche: Es geht um Apple.

Bedenken Sie doch lieber: Der Gewinn von Apple ist immer noch so hoch wie der von Microsoft und Samsung zusammen. Das sieht für mich nicht so aus, als wäre der Konzern in großen Schwierigkeiten und die Konkurrenz würde ihm den Rang ablaufen. Auch Microsoft vermeldete übrigens einen geringeren Gewinn. Doch genau diesen Bezug auf den Wettbewerb vermisse ich in den meisten Berichten über Apple, die es in der letzten Woche zu lesen gab. Ist es möglicherweise gar die ganze Branche, die im ersten Quartal Einbrüche am Markt hinnehmen muss und nicht nur das Vorzeigeunternehmen Apple?

Die zweite Kurve

Nun, sei dem, wie es sei. Ob die ganze IT-Branche oder nur Apple „in Schwierigkeiten“ steckt, interessiert mich eigentlich nicht sonderlich. Interessant finde ich an dem Phänomen Apple einen ganz anderen Aspekt – etwas, das mich an eine Metapher von Charles Handy erinnert: die „Second Curve“.

Für alle, die ihn nicht kennen: Charles Handy ist ein inzwischen über 84-jähriger irischer Wirtschafts- und Sozialphilosoph, der in Fachkreisen einen ähnlichen Guru-Status besitzt wie Peter Drucker. Das Bild der „Second Curve“ beschreibt zum einen die banale Erkenntnis, dass in jeder erfolgreichen Entwicklung auf eine Anfangsdelle Wachstum folgt und dann nach einem Peak die Degeneration einsetzt. So weit, so gut. Das kennen Sie von Produkten, Staaten oder persönlichen Karrieren. Erst jetzt beginnt es spannend zu werden: Die zweite Kurve setzt idealerweise direkt vor dem Höhepunkt der ersten Kurve an. Soll heißen: Kurz vor dem Peak muss etwas ganz Neues her, mit dem das degenerative Alte nach und nach ersetzt werden kann. Mit diesem Ansatz betrachtet der Sozialphilosoph auch Gesellschaftssysteme.

Kein Gegenargument gegen Innovationen

Die Metapher der „Second Curve“ finde ich für die Wirtschaft besonders interessant, weil die Folgen, die sich daraus ergeben, bislang für allgemeingültig erklärte Annahmen ungültig machen.

Früher war der Satz „Aber damit kannibalisieren wir uns doch selbst!“ das eindrucksvollste Argument gegen Innovationen. Auch heute scheint mir dieser Satz aus Automobilindustrie oder Energiewirtschaft entgegenzuschallen. Wer möchte sich schon selbst mit einem neuen Geschäftsmodell den liebgewonnenen Markt ablaufen? Vielleicht doch besser in die Weiterentwicklung des Bestehenden investieren? Immer attraktiver machen, lautet da die Devise. Den Apfel dicker machen.

Nun glaube ich aber, dass genau das Gegenteil der Schlüssel zu langfristigem Erfolg ist: sich im Sinne der „Second Curve“ auf der Höhe des Erfolgs selbst zu kannibalisieren.