ReportageJapans Grauzone

Hideji Kudo sieht nicht gerade aus wie ein Modedesigner: 62 Jahre alt, Verkäuferschürze um die schmale Hüfte, runde Brille auf der Nase. Zwischen dicht gereihten Kleiderständern steht er in seinem Geschäft in Tokio, wo sich ältere Herrschaften mit weiten Blusen, Strickjacken und Socken mit Rutschprofil eindecken. Kein Stoff für den Catwalk. Und dennoch schuf Kudo hier unlängst ein Modephänomen: knallrote Unterhosen aus Wolle.

Durch Befragungen hatte er herausgefunden, dass seine gealterte Kundschaft exakt solche Wäsche suchte: „Durch die Farbe und den natürlichen Stoff wärmt sie laut östlicher Medizin besonders gut. Sie soll auch die körperliche Energie schützen.“ Erst war Kudo skeptisch. „Aber als wir so ein Produkt in Auftrag gegeben hatten, rissen die Kunden es uns aus den Händen.“ Zeitungen und sogar Fernsehsender berichteten. Heute ist Kudo ein wohlhabender Mann. Er verdankt es Japans wichtigster Konsumentengruppe: den Alten.

Jeder vierte Japaner ist 65 oder älter. Das macht das Land zum einzigen Industriestaat der Welt, dessen Bevölkerung noch greiser ist als die deutsche – auch hierzulande ist schon jeder Fünfte mindestens 65, und 2050 dürfte es nach Prognosen des Statistischen Bundesamts gar jeder Dritte sein. Niedrige Geburtenraten, eine hohe und weiter steigende Lebenserwartung – die Mechanismen sind bekannt. Die Konsequenzen weniger. Nur in einer Hinsicht sind sich alle einig: Unser Land wird sich drastisch verändern.

Wenn man so will, ist ein Blick nach Japan wie ein Blick in die Kristallkugel: Er vermittelt eine Ahnung davon, was auch Deutschland bevorstehen könnte. Menschen halten im Alter oft an Bewährtem fest, verspüren wenig Drang, alles noch mal neu und ganz anders zu machen. Muss eine alternde Volkswirtschaft also automatisch erlahmen, muss sie reform- und innovationsfeindlich werden? Oder entstehen aus den Bedürfnissen, Konsumwünschen und nicht zuletzt Fähigkeiten der Alten auch neue Arbeitsplätze und Geschäftsmodelle, die den Verlust an Dynamik zumindest teilweise ausgleichen?

Tokio, eine Fußgängerzone namens Jizo-Dori. Graue Haarschöpfe, Rollatoren und Gehstöcke. Geschäfte für seltene Teesorten und extrabequeme Schuhe. Auf Bänken ruhen sich Senioren vom Einkaufsbummel aus. Die Jizo-Dori ist in Japan als Shoppingmeile für Alte bekannt. Hier liegt auch das Geschäft des Modeschöpfers Hideji Kudo.

Um genau zu sein: eines seiner vier Geschäfte. Nach dem Überraschungserfolg seiner roten Unterwäsche hat er expandiert, mittlerweile beschäftigt er 40 Mitarbeiter, fast alle sind jenseits der 60. „Unser Produkt zeigt, dass wir Alten ein Quell für neue Ideen sein können“, sagt er. „Auch von uns kann noch etwas Neues ausgehen.“ Kudo ist sicher: „Japan profitiert von den Alten.“

Was er sagt, wirkt erst einmal kontraintuitiv. Wie alle Gesellschaften mit ähnlich gelagerter ­Altersstruktur entstehen Japan durch die Senioren hohe Kosten. So hat das Land beispielsweise die höchste Krankenhausdichte und die längste durchschnittliche Spitalverweilzeit unter allen Industrieländern. Und das ist nur die Ausgabenseite – der Effekt für die Wertschöpfung kommt noch hinzu.

„Japan lehrt uns, dass demografischer Wandel Wirtschaftswachstum entscheidend beeinflusst“, sagt der Ökonom Franz Waldenberger, Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio. Schließlich kaufen nur wenige Alte jedes Jahr ein neues Smartphone oder alle paar Jahre ein neues Auto. Wenn auch bei Weitem nicht der einzige Grund, so ist die Demografie doch ein wichtiger Faktor für Japans anhaltende Wachstumsschwäche.

Die Rentner-Lobby

Dagegen stemmt sich die Regierung mit aller Macht. Seit seinem Amtsantritt vor fünf Jahren versucht Premier Shinzo Abe den Aufschwung herbeizuzwingen. Die Zentralbank hat er zu einer extrem lockeren Geldpolitik verdonnert, um die Inflation anzuheizen. Mehrere Konjunkturprogramme sollen all das frisch gedruckte Geld in die Privatwirtschaft injizieren. Zudem werkeln seine Ökonomen an Strukturreformen, die das Wachstum anschieben sollen.

Die sogenannten „Abenomics“ zeigen offenbar Wirkung: In den ersten beiden Quartalen 2017 lag das Wachstum bei 1,3 und 1,6 Prozent. Für japanische Verhältnisse ist das hoch. Geht Abes Strategie also auf?

Nur ein paar Gehminuten von der Jizo-Dori entfernt wühlt der pensionierte Lehrer Masuo Kato in einem Aktenberg. Er trägt ein Polohemd und bewegt sich wie ein junger Mann, dabei ist er schon 72. Sein Großraumbüro ist vollgestopft mit alten Kunststoffmöbeln, unzähligen Ordnern und Papierstapeln. Digitalisiert ist hier wenig, doch das nimmt Kato und seinen Mitstreitern nichts von ihrer Schlagkraft: Sie wissen, wo sie die Akten zu den 34 Millionen Rentnern finden, deren Interessen sie vertreten. Kato ist der Vizepräsident der nationalen Rentnergewerkschaft – und als solcher einer der mächtigsten Lobbyisten des Landes.

„In den letzten drei Jahren“, sagt er, „ist die monatliche Basisrente um 2,5 Prozent gefallen.“ Unzufrieden tippt er mit dem Finger auf ein Dokument, das er aus dem Aktenstapel gezogen hat. Es belege, dass schon jetzt zehn Prozent der Alten in Armut leben. Eine Absenkung der Rente könne man sich nicht gefallen lassen. „Wir führen jetzt eine Klage gegen den Staat“, sagt Kato. Er und seine Anwälte wittern einen Verfassungsbruch: Die in Artikel 25 garantierte Mindestsicherung sei nicht mehr geboten.

Überzogene Ansprüche? „Wir müssen eben die Rechte der alten Menschen vertreten“, verteidigt sich Kato. Tatsächlich ist in den letzten Jahren die Armutsquote unter den jüngeren, nicht aber den älteren Japanern gestiegen. Dazu kommt die Frage der Gerechtigkeit: Japans Rentensystem ist größtenteils umlagefinanziert. Ohne eine Reform werden die Jahrgänge ab 1985 weniger Geld aus der Pensionskasse bekommen, als sie einzahlen.

Obwohl Kato selbst zwei Kinder hat, überzeugen ihn solche Einwände nicht. Ohnehin lasse sich der Wert seiner Generation nicht in Yen erfassen, sagt er. „Das Land kann ja froh sein, dass wir anpacken.“ Er spielt darauf an, dass es oft die Rentner sind, die unpopuläre Politik verhindern. Als etwa die Regierung gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit das Militärbudget aufstocken wollte, gingen die Alten zu Zehntausenden auf die Straße und blockierten die Entscheidung. Wie in Deutschland sind auch in Japan ältere Bürger viel häufiger politisch aktiv als junge. An der Parlamentswahl 2016 nahmen drei Viertel der 70- bis 75-Jährigen teil, aber nur ein Drittel der 20- bis 25-Jährigen.

Wohl nicht ganz zufällig fließt der Großteil des Staatsbudgets dem Teil der Bevölkerung zu, der am lautesten den Mund aufmacht. Japan lässt sich sein Gesundheitssystem und die Pensionen enorm viel kosten. Die Ausgaben für Arbeitsmarkt- und Familienpolitik sind dagegen vergleichsweise niedrig. Seit Jahren werden immer neue Altersheime gebaut – und gleichzeitig Schulen geschlossen. Insgesamt gibt der Staat für alte Bürger ungefähr dreimal so viel Steuergeld aus wie für alle anderen. Auch an staatlicher Förderung für Jungunternehmer mangelt es. Die Folge: An der Größe der Bevölkerung gemessen entstehen in kaum einem Land weniger Start-ups.

Auch wenn die konfuzianisch geprägten Japaner es ungern so drastisch formulieren: Der Generationenkonflikt ist in vollem Gange. Das zeigt sich auch in Umfragen: Für den „World Values Survey“ wurden zwischen 2010 und 2014 weltweit mehr als 90 000 Menschen gefragt, ob sie finden, dass die Alten zu viel Geld vom Staat bekommen. In Deutschland verneinten das mehr als 90 Prozent der Befragten. In Japan nur gut ein Drittel.

Einfach weiterarbeiten

Kato geht in die Küche, um Tee aufzusetzen. Als er wiederkommt, hat er eine weitere Akte in der Hand. Eine Tabelle zeigt die Wirtschaftswachstumszahlen der letzten Jahre, die immer unter den Erwartungen und oft unter einem Prozent lagen. „Die älteren Menschen ärmer zu machen bringt doch nichts“, sagt er. „Wenn wir den Wohlstand für künftige Generationen bewahren wollen, brauchen wir Wachstum und vor allem sichere Jobs.“

Was Kato nicht sagt: Auch in dieser Frage spielen die Senioren eine Rolle. Japans Alte sind die fitteste Rentnergeneration aller Zeiten, dem teuren Gesundheitssystem sei Dank. Sie denken nicht daran, jenseits des Renteneintrittsalters nur noch Tee zu trinken und Go zu spielen. Stattdessen bringt sich eine steigende Zahl wirtschaftlich ein. Nicht nur, indem sie tun, was Großeltern überall tun: während der Arbeitszeit der Eltern die Enkel hüten, sich ehrenamtlich engagieren, den Kindern finanziell unter die Arme greifen. Nein: Viele alte Japaner nehmen weiter aktiv am Arbeitsleben teil.

Die Kassiererin im Lebensmittelladen: eine Rentnerin. Der Verkehrslotse, der Passanten an einer Baustelle vorbeischleust: ein Pensionär. Die Beraterin im Bezirksamt, die über Wahlunterlagen und Kulturangebote informiert: eine Ruheständlerin. Klar, manch einer benötigt das zusätzliche Einkommen. Vor allem aber ist es eine Frage der Einstellung: Arbeiten gilt als Tugend.

Mit steigendem Wohlstand ist in vielen Industrieländern die Frühverrentung üblich geworden. In Deutschland gehen Arbeitnehmer mit durchschnittlich 63 Jahren in den Ruhestand – zwei Jahre früher als vorgesehen. Österreicher verlassen den Arbeitsmarkt sogar drei Jahre vor dem gesetzlichen Rentenalter. Nicht so in Japan: Dort arbeiten die Menschen durchschnittlich noch rund vier Jahre weiter. Und das, obwohl das Renteneintrittsalter seit einer Reform von 2013 schrittweise von 60 auf 65 Jahre steigt.

Nur eine Zahl

„Dein Alter ist nur eine Zahl“, steht an einer Wand im Büro von Takanori Namiki. Daneben hängen Dankes­urkunden von Geschäftspartnern und ausgeschnittene Zeitungsartikel über die alternde Arbeitsbevölkerung. Der hochgewachsene Mann mit dem grauen Haar ist der Geschäftsführer von My Star 60, einer Arbeitsagentur für Alte. Seit der Gründung 1990 ist seine Belegschaft auf mehr als 400 Mitarbeiter angewachsen. Viele davon arbeiten in Teilzeit, doch auf keinen, sagt Namiki, könne er verzichten – es gibt zu viel zu tun. Allein in den letzten drei Jahren registrierten sich mehr als 5 000 arbeitswillige Rentner. Rund die Hälfte davon wurde vermittelt. „Wir bewegen uns in einem Wachstumsmarkt“, sagt Namiki, als spräche er über ein Biotech-Start-up.

Der 69-Jährige kennt die Nöte seiner Klienten aus eigener Anschauung. Früher arbeitete er für ein Handelsunternehmen, das ihn in London und Düsseldorf stationierte. Eine interessante Karriere, doch vor neun Jahren, mit 60, musste er ausscheiden. Der ausschlaggebende Grund war das in Japan traditionell geltende Senioritätsprinzip: Arbeitnehmer bleiben oft ein Leben lang bei ihrem Unternehmen, und mit jedem Jahr steigt ihr Gehalt, was dazu führt, dass ältere Mitarbeiter deutlich teurer sind. Kommt ihr Rentenstichtag, werden sie aussortiert. Bitter für Namiki, der keineswegs beabsichtigte, kürzerzutreten. „Meine Ehefrau sagte mir: ,Du musst trotzdem weiterarbeiten – mach dich nützlich!‘“ Er fand, sie habe recht.

My Star 60 belegt drei Etagen in einem großen Bürogebäude in Go­tanda, einem gediegenen Geschäfts- und Wohndistrikt mit viel Grün. Geschäftsführer Namiki öffnet die Tür zu einem Großraumbüro. An den Schreibtischen: ausschließlich konzentrierte Senioren. Neun von zehn der Mitarbeiter sind älter als 60, knapp ein Fünftel sogar über 70.

„Die Betriebsabläufe könnten mit jungen Leuten nicht besser funktionieren“, prahlt Namiki. „Vielleicht eher schlechter, weil ihnen die Perspektive fehlt, die wir hier brauchen.“ Mehr Krankheitstage, mehr Pausen, Gedächtnislücken, Rückenschmerzen? Von solchen Risiken will der Boss nichts wissen. „Wir müssen hier keine besonders körperliche Arbeit leisten, stattdessen können wir unsere Erfahrung einsetzen.“

Obwohl es längst mehrere Wettbewerber gibt, hat My Star 60 kaum Probleme, seine Senioren unterzubringen. Das liegt an der großen Nachfrage. Japans Arbeitsbevölkerung schrumpft schon seit Ende der 90er-Jahre. „Viele unserer Klienten sind Handwerker“, sagt Namiki. „Solchen Leuten besorgen wir meist binnen zwei Wochen einen neuen Job. Viele landen in der Gebäude­instandhaltung.“ Ähnlich schnell würden Servicekräfte vermittelt, vom Fremdsprachendozenten bis zur Bedienung im Fastfood-Restaurant.

Die Unternehmen profitierten von den Alten, sagt Kazuo Endo, der bei Japans größter Wirtschaftslobby Nippon Keidanren zuständig für den Arbeitsmarkt ist: „Viele Betriebe berichten, dass die Älteren und die Jüngeren voneinander lernen.“ Das Idealszenario: Junior bringt Senior neue Technologien bei, Senior vermittelt Junior Wissen und Routine.