ReportageJapans Grauzone

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Der 69-Jährige kennt die Nöte seiner Klienten aus eigener Anschauung. Früher arbeitete er für ein Handelsunternehmen, das ihn in London und Düsseldorf stationierte. Eine interessante Karriere, doch vor neun Jahren, mit 60, musste er ausscheiden. Der ausschlaggebende Grund war das in Japan traditionell geltende Senioritätsprinzip: Arbeitnehmer bleiben oft ein Leben lang bei ihrem Unternehmen, und mit jedem Jahr steigt ihr Gehalt, was dazu führt, dass ältere Mitarbeiter deutlich teurer sind. Kommt ihr Rentenstichtag, werden sie aussortiert. Bitter für Namiki, der keineswegs beabsichtigte, kürzerzutreten. „Meine Ehefrau sagte mir: ,Du musst trotzdem weiterarbeiten – mach dich nützlich!‘“ Er fand, sie habe recht.

My Star 60 belegt drei Etagen in einem großen Bürogebäude in Go­tanda, einem gediegenen Geschäfts- und Wohndistrikt mit viel Grün. Geschäftsführer Namiki öffnet die Tür zu einem Großraumbüro. An den Schreibtischen: ausschließlich konzentrierte Senioren. Neun von zehn der Mitarbeiter sind älter als 60, knapp ein Fünftel sogar über 70.

„Die Betriebsabläufe könnten mit jungen Leuten nicht besser funktionieren“, prahlt Namiki. „Vielleicht eher schlechter, weil ihnen die Perspektive fehlt, die wir hier brauchen.“ Mehr Krankheitstage, mehr Pausen, Gedächtnislücken, Rückenschmerzen? Von solchen Risiken will der Boss nichts wissen. „Wir müssen hier keine besonders körperliche Arbeit leisten, stattdessen können wir unsere Erfahrung einsetzen.“

Obwohl es längst mehrere Wettbewerber gibt, hat My Star 60 kaum Probleme, seine Senioren unterzubringen. Das liegt an der großen Nachfrage. Japans Arbeitsbevölkerung schrumpft schon seit Ende der 90er-Jahre. „Viele unserer Klienten sind Handwerker“, sagt Namiki. „Solchen Leuten besorgen wir meist binnen zwei Wochen einen neuen Job. Viele landen in der Gebäude­instandhaltung.“ Ähnlich schnell würden Servicekräfte vermittelt, vom Fremdsprachendozenten bis zur Bedienung im Fastfood-Restaurant.

Die Unternehmen profitierten von den Alten, sagt Kazuo Endo, der bei Japans größter Wirtschaftslobby Nippon Keidanren zuständig für den Arbeitsmarkt ist: „Viele Betriebe berichten, dass die Älteren und die Jüngeren voneinander lernen.“ Das Idealszenario: Junior bringt Senior neue Technologien bei, Senior vermittelt Junior Wissen und Routine.