ReportageJapans Grauzone

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„In den letzten drei Jahren“, sagt er, „ist die monatliche Basisrente um 2,5 Prozent gefallen.“ Unzufrieden tippt er mit dem Finger auf ein Dokument, das er aus dem Aktenstapel gezogen hat. Es belege, dass schon jetzt zehn Prozent der Alten in Armut leben. Eine Absenkung der Rente könne man sich nicht gefallen lassen. „Wir führen jetzt eine Klage gegen den Staat“, sagt Kato. Er und seine Anwälte wittern einen Verfassungsbruch: Die in Artikel 25 garantierte Mindestsicherung sei nicht mehr geboten.

Überzogene Ansprüche? „Wir müssen eben die Rechte der alten Menschen vertreten“, verteidigt sich Kato. Tatsächlich ist in den letzten Jahren die Armutsquote unter den jüngeren, nicht aber den älteren Japanern gestiegen. Dazu kommt die Frage der Gerechtigkeit: Japans Rentensystem ist größtenteils umlagefinanziert. Ohne eine Reform werden die Jahrgänge ab 1985 weniger Geld aus der Pensionskasse bekommen, als sie einzahlen.

Obwohl Kato selbst zwei Kinder hat, überzeugen ihn solche Einwände nicht. Ohnehin lasse sich der Wert seiner Generation nicht in Yen erfassen, sagt er. „Das Land kann ja froh sein, dass wir anpacken.“ Er spielt darauf an, dass es oft die Rentner sind, die unpopuläre Politik verhindern. Als etwa die Regierung gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit das Militärbudget aufstocken wollte, gingen die Alten zu Zehntausenden auf die Straße und blockierten die Entscheidung. Wie in Deutschland sind auch in Japan ältere Bürger viel häufiger politisch aktiv als junge. An der Parlamentswahl 2016 nahmen drei Viertel der 70- bis 75-Jährigen teil, aber nur ein Drittel der 20- bis 25-Jährigen.

Wohl nicht ganz zufällig fließt der Großteil des Staatsbudgets dem Teil der Bevölkerung zu, der am lautesten den Mund aufmacht. Japan lässt sich sein Gesundheitssystem und die Pensionen enorm viel kosten. Die Ausgaben für Arbeitsmarkt- und Familienpolitik sind dagegen vergleichsweise niedrig. Seit Jahren werden immer neue Altersheime gebaut – und gleichzeitig Schulen geschlossen. Insgesamt gibt der Staat für alte Bürger ungefähr dreimal so viel Steuergeld aus wie für alle anderen. Auch an staatlicher Förderung für Jungunternehmer mangelt es. Die Folge: An der Größe der Bevölkerung gemessen entstehen in kaum einem Land weniger Start-ups.

Auch wenn die konfuzianisch geprägten Japaner es ungern so drastisch formulieren: Der Generationenkonflikt ist in vollem Gange. Das zeigt sich auch in Umfragen: Für den „World Values Survey“ wurden zwischen 2010 und 2014 weltweit mehr als 90 000 Menschen gefragt, ob sie finden, dass die Alten zu viel Geld vom Staat bekommen. In Deutschland verneinten das mehr als 90 Prozent der Befragten. In Japan nur gut ein Drittel.

Einfach weiterarbeiten

Kato geht in die Küche, um Tee aufzusetzen. Als er wiederkommt, hat er eine weitere Akte in der Hand. Eine Tabelle zeigt die Wirtschaftswachstumszahlen der letzten Jahre, die immer unter den Erwartungen und oft unter einem Prozent lagen. „Die älteren Menschen ärmer zu machen bringt doch nichts“, sagt er. „Wenn wir den Wohlstand für künftige Generationen bewahren wollen, brauchen wir Wachstum und vor allem sichere Jobs.“

Was Kato nicht sagt: Auch in dieser Frage spielen die Senioren eine Rolle. Japans Alte sind die fitteste Rentnergeneration aller Zeiten, dem teuren Gesundheitssystem sei Dank. Sie denken nicht daran, jenseits des Renteneintrittsalters nur noch Tee zu trinken und Go zu spielen. Stattdessen bringt sich eine steigende Zahl wirtschaftlich ein. Nicht nur, indem sie tun, was Großeltern überall tun: während der Arbeitszeit der Eltern die Enkel hüten, sich ehrenamtlich engagieren, den Kindern finanziell unter die Arme greifen. Nein: Viele alte Japaner nehmen weiter aktiv am Arbeitsleben teil.

Die Kassiererin im Lebensmittelladen: eine Rentnerin. Der Verkehrslotse, der Passanten an einer Baustelle vorbeischleust: ein Pensionär. Die Beraterin im Bezirksamt, die über Wahlunterlagen und Kulturangebote informiert: eine Ruheständlerin. Klar, manch einer benötigt das zusätzliche Einkommen. Vor allem aber ist es eine Frage der Einstellung: Arbeiten gilt als Tugend.

Mit steigendem Wohlstand ist in vielen Industrieländern die Frühverrentung üblich geworden. In Deutschland gehen Arbeitnehmer mit durchschnittlich 63 Jahren in den Ruhestand – zwei Jahre früher als vorgesehen. Österreicher verlassen den Arbeitsmarkt sogar drei Jahre vor dem gesetzlichen Rentenalter. Nicht so in Japan: Dort arbeiten die Menschen durchschnittlich noch rund vier Jahre weiter. Und das, obwohl das Renteneintrittsalter seit einer Reform von 2013 schrittweise von 60 auf 65 Jahre steigt.

Nur eine Zahl

„Dein Alter ist nur eine Zahl“, steht an einer Wand im Büro von Takanori Namiki. Daneben hängen Dankes­urkunden von Geschäftspartnern und ausgeschnittene Zeitungsartikel über die alternde Arbeitsbevölkerung. Der hochgewachsene Mann mit dem grauen Haar ist der Geschäftsführer von My Star 60, einer Arbeitsagentur für Alte. Seit der Gründung 1990 ist seine Belegschaft auf mehr als 400 Mitarbeiter angewachsen. Viele davon arbeiten in Teilzeit, doch auf keinen, sagt Namiki, könne er verzichten – es gibt zu viel zu tun. Allein in den letzten drei Jahren registrierten sich mehr als 5 000 arbeitswillige Rentner. Rund die Hälfte davon wurde vermittelt. „Wir bewegen uns in einem Wachstumsmarkt“, sagt Namiki, als spräche er über ein Biotech-Start-up.