ReportageJapans Grauzone

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Jeder vierte Japaner ist 65 oder älter. Das macht das Land zum einzigen Industriestaat der Welt, dessen Bevölkerung noch greiser ist als die deutsche – auch hierzulande ist schon jeder Fünfte mindestens 65, und 2050 dürfte es nach Prognosen des Statistischen Bundesamts gar jeder Dritte sein. Niedrige Geburtenraten, eine hohe und weiter steigende Lebenserwartung – die Mechanismen sind bekannt. Die Konsequenzen weniger. Nur in einer Hinsicht sind sich alle einig: Unser Land wird sich drastisch verändern.

Wenn man so will, ist ein Blick nach Japan wie ein Blick in die Kristallkugel: Er vermittelt eine Ahnung davon, was auch Deutschland bevorstehen könnte. Menschen halten im Alter oft an Bewährtem fest, verspüren wenig Drang, alles noch mal neu und ganz anders zu machen. Muss eine alternde Volkswirtschaft also automatisch erlahmen, muss sie reform- und innovationsfeindlich werden? Oder entstehen aus den Bedürfnissen, Konsumwünschen und nicht zuletzt Fähigkeiten der Alten auch neue Arbeitsplätze und Geschäftsmodelle, die den Verlust an Dynamik zumindest teilweise ausgleichen?

Tokio, eine Fußgängerzone namens Jizo-Dori. Graue Haarschöpfe, Rollatoren und Gehstöcke. Geschäfte für seltene Teesorten und extrabequeme Schuhe. Auf Bänken ruhen sich Senioren vom Einkaufsbummel aus. Die Jizo-Dori ist in Japan als Shoppingmeile für Alte bekannt. Hier liegt auch das Geschäft des Modeschöpfers Hideji Kudo.

Um genau zu sein: eines seiner vier Geschäfte. Nach dem Überraschungserfolg seiner roten Unterwäsche hat er expandiert, mittlerweile beschäftigt er 40 Mitarbeiter, fast alle sind jenseits der 60. „Unser Produkt zeigt, dass wir Alten ein Quell für neue Ideen sein können“, sagt er. „Auch von uns kann noch etwas Neues ausgehen.“ Kudo ist sicher: „Japan profitiert von den Alten.“

Was er sagt, wirkt erst einmal kontraintuitiv. Wie alle Gesellschaften mit ähnlich gelagerter ­Altersstruktur entstehen Japan durch die Senioren hohe Kosten. So hat das Land beispielsweise die höchste Krankenhausdichte und die längste durchschnittliche Spitalverweilzeit unter allen Industrieländern. Und das ist nur die Ausgabenseite – der Effekt für die Wertschöpfung kommt noch hinzu.

„Japan lehrt uns, dass demografischer Wandel Wirtschaftswachstum entscheidend beeinflusst“, sagt der Ökonom Franz Waldenberger, Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio. Schließlich kaufen nur wenige Alte jedes Jahr ein neues Smartphone oder alle paar Jahre ein neues Auto. Wenn auch bei Weitem nicht der einzige Grund, so ist die Demografie doch ein wichtiger Faktor für Japans anhaltende Wachstumsschwäche.

Die Rentner-Lobby

Dagegen stemmt sich die Regierung mit aller Macht. Seit seinem Amtsantritt vor fünf Jahren versucht Premier Shinzo Abe den Aufschwung herbeizuzwingen. Die Zentralbank hat er zu einer extrem lockeren Geldpolitik verdonnert, um die Inflation anzuheizen. Mehrere Konjunkturprogramme sollen all das frisch gedruckte Geld in die Privatwirtschaft injizieren. Zudem werkeln seine Ökonomen an Strukturreformen, die das Wachstum anschieben sollen.

Die sogenannten „Abenomics“ zeigen offenbar Wirkung: In den ersten beiden Quartalen 2017 lag das Wachstum bei 1,3 und 1,6 Prozent. Für japanische Verhältnisse ist das hoch. Geht Abes Strategie also auf?

Nur ein paar Gehminuten von der Jizo-Dori entfernt wühlt der pensionierte Lehrer Masuo Kato in einem Aktenberg. Er trägt ein Polohemd und bewegt sich wie ein junger Mann, dabei ist er schon 72. Sein Großraumbüro ist vollgestopft mit alten Kunststoffmöbeln, unzähligen Ordnern und Papierstapeln. Digitalisiert ist hier wenig, doch das nimmt Kato und seinen Mitstreitern nichts von ihrer Schlagkraft: Sie wissen, wo sie die Akten zu den 34 Millionen Rentnern finden, deren Interessen sie vertreten. Kato ist der Vizepräsident der nationalen Rentnergewerkschaft – und als solcher einer der mächtigsten Lobbyisten des Landes.