Déjà vuGutes Sushi, schlechter Stahl

Kobe Steel-CEO Hiroya Kawasaki verbeugt sich bei einer Pressekonferenz
Kobe Steel-CEO Hiroya Kawasaki musste die Betrügereien eingestehenGetty Images

Im Oktober kam ich in den Genuss, nach über 20 Jahren wieder in eines der besten Sushi-Restaurants in Tokio einzukehren. 1996 konnte ich nur mit Empfehlung eines japanischen Freundes einen Platz im Kyubey reservieren, Ausländer verkehrten dort so gut wie nicht. Inzwischen ist aus dem kleinen Restaurant in einer Seitenstraße der berühmten Ginza eine kleine Kette in Tokio geworden. Und Ausländer trifft man dort regelmäßig. Die Empfangsdame im stilvollen Herbstkimono spricht gut Englisch – und der Koch, der uns direkt an der Sushi-Theke bedient, auch. Und am allerbesten: Was vor 20 Jahren noch ein geradezu unfassbar teures Vergnügen war, kommt dem Besucher aus Europa heute preislich gar nicht mehr so übertrieben vor.

Die günstigen Preise im Kyubey sind das Ergebnis von 20 Jahren Deflation in Japan. Während wir uns in Deutschland in diesen zwei Jahrzehnten an deutlich höhere Preise in den Restaurants gewöhnt haben, erhöhten sie sich in Japan kaum. Eine Woche Urlaub in Tokio ist für ausländische Touristen heute billiger als in London oder Paris. Der Fremdenverkehr in Japan profitiert davon.

Kobe Steel war eigentlich ein hoffnungsloser Fall

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Die andere Seite der Deflationspolitik kann man in diesen Tagen in einer ganz anderen Branche beobachten: Der drittgrößte Stahlkonzern Kobe Steel steckt nach verschiedenen Betrügereien in seiner schwersten Krise seit Jahren. Eigentlich galt Kobe Steel schon Mitte der 90er-Jahre als hoffnungsloser Fall. Damals machten die Koreaner und später die Chinesen mit ihren viel billiger produzierten Metallen gewaltig Druck. In einem deflationären Umfeld konnte sich Kobe Steel jedoch jahrelang durch einen eisernen Sparkurs am Leben halten. Die Nullzinspolitik der japanischen Zentralbank sorgte über zwei Jahrzehnte lang für beispiellos billige Kredite. Für ein kapitalintensives Unternehmen wie Kobe Steel war das ein einziger Glücksfall. Verluste ließen sich so besser wegstecken.

Doch die Effekte billiger Kredite und kaum noch steigender Kosten reichen auf Dauer eben doch nicht aus, um ein eigentlich nicht konkurrenzfähiges Unternehmen durchzuschleppen. Die Manager von Kobe Steel kamen deshalb schon vor zehn Jahren auf die Idee, an der Qualität zu sparen – und die Produktionsdaten kurzerhand zu fälschen, um die Kunden in aller Welt nicht zu verlieren. Nur durch einen Zufall flog die ganze Betrügerei vor Kurzem auf.

Nullzinswahnsinn verhinderte Strukturwandel

Einige große japanische Konzerne haben die Zeiten billigen Geldes genutzt, um in den vergangenen Jahren zu expandieren. Man denke etwa an das Imperium des Milliardärs Masayoshi Son, der mit digitalen Diensten rund um den Erdball zu einem globalen Spieler geworden ist. In vielen Branchen aber verhinderte der dauernde Nullzinswahnsinn den bereits lange überfälligen Strukturwandel. Der Stahl ist nur ein Beispiel dafür.

Auch in anderen Branchen wie der Autoindustrie unterblieb die notwendige Marktbereinigung durch Fusionen, Übernahmen und das Verschwinden schwacher Wettbewerber. Erst wenn die Zinsen wieder steigen, wird man sehen, wie Japans Unternehmen wirklich dastehen. Bis dahin versuchen viele von ihnen, wie Kobe Steel ihre Probleme tief in ihren Bilanzen zu begraben.