ParlamentswahlItalien hat Wachstum verlernt

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Bürokratische Gängelei

Gastronom Angelilli spricht davon, dass er bei seinen Begegnungen mit der italienischen Bürokratie im Zusammenhang mit seiner Pizzeria „psychische Verletzungen“ davongetragen habe. Vor kurzem habe er eine Geldstrafe zahlen müssen, weil die Abluftabsauganlage seines Ofens, die europäische, nationale und regionale Normen erfüllt, nicht den neuesten städtischen Vorgaben entspreche.

Auch die Elektrotechnikfirma Ecolibri SRL fühlt sich von der Bürokratie nach den Worten von Geschäftsführerin Donatella Scarpa ausgebremst. Der Familienbetrieb mit Sitz in einem Gewerbegebiet bei Mailand benötigte eine größere Produktionsfläche, um die Nachfrage befriedigen zu können. Also wurde ein leerstehendes Gebäude neben dem Stammbetrieb gekauft. Seit einem Jahr kämpfe sie nun mit den lokalen Behörden, um eine Genehmigung für die Nutzung des Gebäudes zu erhalten, sagt Scarpa. Die verantwortlichen Beamten konnten für eine Stellungnahme nicht erreicht werden.

„Uns wurde gesagt, dass das Gebäude zur landwirtschaftlichen Nutzfläche des Gebietes gehört“, sagt Scarpa. „Das ist ein Witz, denn das von uns gekaufte Gebäude liegt mitten in einem Gewerbegebiet und befindet sich in einer Straße namens ‚Straße der Industrie’.“

Professionelles Management, Informationstechnologie, hochqualifiziertes Personal – all das fehlt

Fabiano Schivardi, Ökonom

Die Regierung sei nicht das einzige Problem, sagt Fabiano Schivardi, ein anderer Wirtschaftswissenschaftler vom Einaudi Institut, der nach den Ursachen des schwachen Produktivitätswachstums geforscht hat. Die Familienfirmen, die das Rückgrat der italienischen Wirtschaft bilden, würden zu oft von älteren, risikoscheuen Gründern geführt, die Investitionen und professionelles Management von außen ablehnen, sagt er.

Die Legionen von kleinen Handwerksbetrieben seien ein Vorteil gewesen, als Italien in den Nachkriegsjahrzehnten gegenüber anderen Ländern aufgeholt habe, so Schivardi – aber jetzt bremsten sie das Land. „Professionelles Management, Informationstechnologie, hochqualifiziertes Personal – all das fehlt“, sagt er. „Ein Kulturwandel muss her.“

Einige Familien brechen mit alten Gewohnheiten. Bei Pasubio SpA, einem Hersteller von Lederinnenverkleidungen für Luxusautos mit Sitz in Vicenza, wurden sich vier Geschwister nicht über die Strategie einig. Im vergangenen Jahr verkauften sie eine Mehrheitsbeteiligung an die Private-Equity-Firma CVC Capital Partners. Mit Luca Pretto blieb nur ein Familienmitglied im Management.

„Emotionen standen der Geschäftslogik im Weg“, sagt Pretto. „Wir haben verstanden, dass wir externe Investitionen und Top-Manager von außerhalb der Familie brauchen, um uns zu globalisieren.“ Das Unternehmen stellt sich neu auf und wächst rasant. „Es ist in Italien nicht üblich, so etwas zu machen. Die italienische Mentalität sieht ein Unternehmen als Teil der Familie“, sagt er. „Das ist der Feind einer gedeihlichen Geschäftsentwicklung.“

Copyright The Wall Street Journal 2018


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