AnalyseIst Monsanto böse?

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„Was wir machen, ist gut“

In 125 Wachstumskammern testet Monsanto den Samen der Zukunft
In 125 Wachstumskammern testet Monsanto den Samen der Zukunft. Die Gewächshäuser haben unterschiedliche Böden, Licht und Klima – ein Abbild der Welt – Foto: Getty Images

Nun lässt sich beispielsweise im Fall von Agent Orange über die Schuld von Monsanto diskutieren, und alleiniger Bösewicht war der Konzern damals mitnichten. Andere US-Chemiefirmen produzierten kräftig mit, in Deutschland half Bayer Monsanto bei der Herstellung.

Doch die Vergangenheit klebt vor allem an Monsanto. „Die Deutschen sehen Monsanto als das Hauptübel des amerikanischen Kapitalismus“, sagt Heike Moldenhauer, Leiterin Gentechnikpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz. Selbst Bayer-CEO Baumann würde den Markennamen Monsanto lieber verschwinden lassen. Danach gefragt, antwortet er in einem Interview sibyllinisch, dass es die „hervorragende Reputation und Strahlkraft der Marke Bayer“ zu nutzen gelte.

Monsanto-Chef Hugh Grant kennt das Gerede um das schlechte Image zur Genüge. Seit Mai 2003 ist der gebürtige Schotte im Amt, er hat sich ein dickes Fell zugelegt. „Was wir machen, ist gut“, sagt er und fordert ungetrübt von der Imagedebatte mehr Geld von Bayer. Das Übernahmegebot sei „bedeutend zu niedrig“. Allein die Forschungsabteilung in Chesterfield, einer Vorstadt von St. Louis, ist Gold wert. Hier arbeiten Hunderte Wissenschaftler in 250 Labors am Hightech-Samen der Zukunft. In 125 sogenannten Wachstumskammern testet Monsanto sie – es ist eine Art Gewächshaus für die Welt. 1,5 Mrd. Dollar gibt die Firma jährlich für Forschung aus, zehn Prozent des Umsatzes. Darauf sind sie hier stolz.

Grant hat allen Grund, selbstbewusst aufzutreten. In seinen 13 Jahren als Monsanto-Chef hat er den Börsenwert von 5,4 auf rund 51 Mrd. Dollar verneunfacht, der Gewinn lag 2015 bei 2,3 Mrd. Dollar. Und dass der Umsatz zuletzt leicht nachgab, wird er sich nicht ankreiden, es ist ein branchenweites Problem: Die Bauern müssen sparen, weil die Lebensmittelpreise gesunken sind. Auf die Produkte von Monsanto bleiben sie trotzdem angewiesen.

Ein Schuss, alles weg

In Missouri, wo das Land weit ist und flach, versteht Chris Porter die Aufregung um Monsanto nicht. Er ist Bauer in dritter Generation, und das mit Leidenschaft. Gerade ist Säzeit für seine Sojabohnen, morgens um halb sieben fährt er mit seinem Traktor raus aufs Feld, manchmal kommt er erst um 21 Uhr nach Hause.

Das Saatgut für seine Sojabohnen kauft der 40-Jährige bei Monsanto. „Ich weiß schon, dass viele Monsanto böse finden“, sagt er, „aber ich war immer zufrieden.“ Auf Monsanto kann er sich verlassen, seit Jahrzehnten schon. Die Fabrik ist nicht weit weg von seinem Hof, er kennt die Leute da. Auf knapp 500 Hektar pflanzt er Soja, auf den restlichen 1000 Hektar stehen Baumwolle, Mais und Reis. Um nicht zu einseitig zu pflanzen, wechselt er die Sorten ab – manchmal baut er auch nicht genverändertes Soja an, sagt er. „Aber das genveränderte ist so viel effizienter, es ist unglaublich.“ Statt drei verschiedener Pflanzenschutzmittel braucht er nur eins, nämlich Monsantos Roundup. „Ein Schuss, und alles ist weg.“ Es tötet das Unkraut, aber verschont seine Saat, genau dafür hat Monsanto sie ja verändert.

„Genfood hat ein schlechtes Image, aber die Leute wollen trotzdem Essen, das perfekt aussieht“, sagt Porter. „Das ergibt doch keinen Sinn, einerseits alles öko zu wollen und andererseits immer nur nach dem Aussehen zu gehen.“

Die Farm ist über die Generationen deutlich gewachsen, sein Großvater hatte nur gut 200 Hektar. „Wir können heute an einem Tag so viel mehr erledigen als früher“, sagt Porter. Bis zu 80 Hektar Soja sät er an einem Tag aus, sein Vater hätte vielleicht die Hälfte geschafft. Natürlich liegt das an der größeren Sämaschine, aber auch an Technik von Monsanto. „Der Boden ist dank der neuen Chemikalien besser vorbereitet“, sagt er. Und er kann die genveränderte Saat auch ausbringen, wenn das Wetter nicht perfekt ist. Früher wäre sie auf dem Feld verrottet, heute hält sie mehr aus. „Ich verstehe einfach nicht, was die Leute gegen Wissenschaft und Fortschritt haben.“ Man solle einfach mal bei ihm zu Besuch kommen, nach einer Woche würde man ihn verstehen, glaubt er.

20 Jahre ist es her, dass die ersten US-Farmer gentechnisch veränderten Samen ausbrachten. Heute wächst in den USA kaum noch eine Mais-, Soja- oder Baumwollpflanze, deren Erbgut nicht im Labor verändert wurde. Mindestens jedes dritte Maiskorn kommt dabei aus den Laboren von Monsanto, bei Sojabohnen sind es etwas weniger. Laut einer Studie des US-Agrarministeriums haben davon vor allem die Landwirte profitiert. Ihre Erträge und Gewinne seien gestiegen, obwohl das Saatgut aus dem Reagenzglas binnen zehn Jahren inflationsbereinigt über 50 Prozent teurer geworden ist.

Die mögliche Monsanto-Übernahme macht Chris Porter auch nur aus einem Grund Angst: Sein Saatgut könnte noch teurer werden. „Seit Jahren schon gehen die Preise immer nur hoch, hoch, hoch“, sagt er. „Und wenn die Konzerne weiter wachsen und der Wettbewerb schrumpft, wird es noch schlimmer.“

Monsanto beherrscht den weltweiten Saatgutmarkt schon jetzt. Ein Riesengeschäft, bei dem 2015 rund 37,3 Mrd. Dollar umgesetzt wurden, gut die Hälfte davon gentechnisch veränderte Samen. Fast ein Drittel davon ging auf das Konto von Monsanto. Bayer Cropscience belegt mit 1,4 Mrd. Dollar den sechsten Platz. Denn auch die Leverkusener entwickeln und verkaufen seit vielen Jahren gentechnisch verändertes Saatgut, 60 Prozent des Umsatzes macht die Bayer-Agrartochter mit dieser Sparte. Dabei arbeitet Bayer Cropscience eng mit Monsanto zusammen. So fügt Bayer die von Monsanto entwickelten genetischen Eigenschaften gegen Gebühr in sein eigenes Saatgut ein und umgekehrt.

Gehen die geplanten Fusionen in der Agrochemiebranche durch, dann bestimmen bald drei Megakonzerne, was auf den Feldern wächst und gesprüht wird. Bereits Ende 2015 haben die US-Konzerne Dow Chemical und DuPont ihren Zusammenschluss gemeldet, Anfang 2016 verkündete der chinesische Mischkonzern Chem China den Kauf des Schweizer Agrochemieunternehmens Syngenta. Und nun noch Bayer-Monsanto. Die ­„Titanic Three“ würden rund 65 Prozent des Pestizid- und Saatgutmarkts kontrollieren. Eine Dominanz, die auch Kartellaufseher alarmiert. Denn Marktbeherrschung verführt zu Missbrauch, Konzerne könnten Preise diktieren und kleinere Wettbewerber niederringen. Gut mag das für den Konzerngewinn sein – für den Ruf wäre es wieder schädlich.

Und wie schnell es mit dem guten Image vorbei sein kann, könnte Bayer das Beispiel eines anderen Unternehmens zeigen. Bei der Umfrage zu „America’s Most Loved and Most Hated Companies“ steht nach der Abgasaffäre plötzlich ein deutscher Konzern auf dem allerletzten Platz: Volkswagen.