AnalyseIst Monsanto böse?

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Protest gegen Monsanto in Buenos Aires
Auch in Argentinien hat Monsanto einen schlechten Ruf, er soll für Missbildungen bei Babys verantwortlich sein – Foto: Getty Images

Es ist ein kühler Morgen in Ituzaingó, 650 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires. Über die Pampa pfeift der Wind, trägt Staub und Herbizide hinüber in das kleine Dorf, wo Sofía Gatica lebt. Ende der 90er-Jahre brachte sie hier eine Tochter zur Welt, die kurz nach der Geburt starb. Anfangs glaubte sie den Ärzten noch, dass die Ursache eine normale Nierenkrankheit gewesen sei. Dann aber nahm sie die anderen Kindersärge im Dorf wahr, die Kinder mit Mundschutz und den Geschwüren auf der Haut. Sie sah sich all die Gensoja-Felder ringsherum genauer an, die Flugzeuge, die sie aus der Luft mit Unkrautvernichtern besprühten, und sie ahnte: Hier stimmt was nicht.

Schon 1996 hat sich Monsanto unbeschränkten Zugang zum argentinischen Markt verschafft – mit einem scheinbar genialen Versprechen: Wir liefern euch ertragreiches, genverändertes Soja und dazu das passende Herbizid, Glyphosat, gegen das unsere Pflanzen resistent sind. Fortan besprühten Großbauern ihre Felder ohne Unterlass aus Flugzeugen und Tanklastern – und strichen tatsächlich hohe Profite ein.

Ituzaingó ist nicht nur eines von unzähligen Sojadörfern in der argentinischen Pampa. Es ist so etwas wie der Ground Zero der Genfood-Industrie. Wissenschaftler und Mediziner haben festgestellt, dass Missbildungen bei Neugeborenen und Krebs hier deutlich häufiger auftreten als anderswo. Und Gatica ist eine Symbolfigur im Kampf gegen Monsanto geworden. In einem Präzedenzfall stützte ein Gericht 2011 ihre These, dass die Herbizide für das Gensoja viel zu nah am Dorf verwendet wurden. Die Kläger hatten die Blutwerte von 114 Kindern mit Spuren von Agrochemikalien präsentiert. Die Angeklagten, ein Sojabauer und ein Giftpilot, wurden zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt. Gatica gründete die Gruppe Mütter von Ituzaingó und machte mobil gegen Monsanto & Co. Den Konzern hat sie nicht vertreiben können – aber wieder blieb etwas hängen am Ruf von Monsanto, der schon vorher nicht der beste war.

Dabei hatte der Konzern ursprünglich mit einem harmlosen Produkt begonnen. 1901 gründete der Pharmaangestellte John Francis Queeny in St. Louis eine kleine Chemiefirma. Den Namen lieh er sich von seiner Frau, Olga Mendez Monsanto. Das Erste, was er auf den Markt brachte, war der künstliche Süßstoff Saccharin – gleich ein Erfolg. Später kamen Desinfektionsmittel und andere Chemikalien dazu, 1956 entwickelte Monsanto ein erstes Pflanzengift. Anfang der 80er-Jahre begannen Forscher, Saatgut gentechnisch zu verbessern, 1994 erteilte die US-Regierung die Zulassung. Monsanto stieß seine Chemiesparte ab, übernahm im großen Stil konkurrierende Saatguthersteller. Der Aufstieg zum weltweit führenden Agrochemiekonzern begann. Sein Geld verdient der Konzern seither vor allem mit gentechnisch veränderter Saat und Pflanzengift.

Monsanto hat Glyphosat erfunden

Monsanto verkauft vor allem ein Versprechen: höhere Produktivität, mehr Ernteertrag. Das Biotechunternehmen entwickelte dafür Sojabohnen, Mais und andere Pflanzen, die das Pflanzengift Glyphosat vertragen. Die Landwirte können sorglos säen. Taucht Unkraut auf, halten sie drauf, denn die im Labor designten Pflanzen überleben die Giftattacke, ihnen ist ein Glyphosat-resistentes Gen eingepflanzt worden.

Doch was Monsanto als Lösung im Kampf gegen den Hunger der Welt verkauft, betrachten Gegner als Eingriff in die Schöpfung und Gefahr für Leib und Leben. In Argentinien stößt der Konzern inzwischen auf großen Widerstand. Die Regierung hat eine Untersuchungskommission einberufen, Wissenschaftler sorgen sich um zerstörte Ökosysteme und Veränderungen am menschlichen Erbgut. Vergangenes Jahr kam die Weltgesundheitsorganisation WHO zu dem Schluss, dass Glyphosat „wahrscheinlich karzinogen“ sei. Andere Untersuchungen fanden dafür keine Beweise, aber Unsicherheit bleibt. Eine Katastrophe fürs Renommee.

Denn Monsanto hat Glyphosat erfunden: Es ist das am häufigsten eingesetzte Herbizid weltweit. Seit 1974 vertreibt der Konzern das Pflanzengift unter dem Markennamen Roundup. Landwirte von Lateinamerika bis Indien spritzen es tonnenweise, auch deutsche Bauern nutzen den Wirkstoff auf rund 30 Prozent der Äcker. Die Deutsche Bahn, einer der Hauptabnehmer im Land, beseitigt damit Unkraut auf den Schienen. Für Monsanto ist das Gift bis heute eine Cashmaschine, 5 Mrd. Dollar Jahresumsatz, 2 Mrd. Dollar Gewinn.

Allein: Fast alle Agrarchemiekonzerne vermarkten Unkrautvernichtungsmittel auf Basis von Glyphosat, seit das Monsanto-Patent im Jahr 2000 ausgelaufen ist. Auch Bayers Agrarsparte Cropscience, die allerdings weniger als 50 Mio. Euro damit umsetzt. Die EU hat im Juni die Zulassung für den Wirkstoff um bis zu 18 Monate verlängert. Danach muss sie erneut entscheiden. Sollte die Zulassung tatsächlich kippen, dann träfe das die gesamte Branche. Vor allem, weil es längst nicht mehr nur um Glyphosat geht, sondern um die Zulassung von Pestiziden überhaupt – und damit um die Systemfrage: Wie soll die Landwirtschaft der Zukunft aussehen? Chemiebasiert oder ökologisch?

Das erklärt zwar, weshalb der Kampf von allen Seiten so emotional geführt wird. Dass dabei aber Monsanto zum Prellbock für eine ganze Industrie wurde und zur Projektionsfläche für alle Ängste, die Verbraucher rund um Lebensmittel plagen – das liegt vor allem an der Vergangenheit des Konzerns. Für Greenpeace ist sie „eine Skandalchronik, atemberaubend und lang“. Das schlechte Image hat, wenn man so will, Tradition bei Monsanto.

Der Konzern produzierte etwa Agent Orange, das Entlaubungsgift, das die USA im Vietnamkrieg einsetzten. Bis heute leidet Vietnam unter den Folgen. Monsanto entschädigte zwar ehemalige US-Soldaten, vietnamesische Opfer aber nicht. Ein US-Gericht wies eine Sammelklage 2005 ab, da der Einsatz von Agent Orange „keine chemische Kriegsführung“ und darum kein Verstoß gegen internationales Recht gewesen sei.

Dann gab es den Skandal um PCB, eine häufig zur Kühlung eingesetzte Flüssigkeit, über die Monsanto schon 1971 wusste, dass die Dioxine darin zu Missbildungen bei Menschen führen können. Aber aus Angst vor Klagen fälschte die Konzernleitung jahrelang Untersuchungsergebnisse. 1977 wurde die PCB-Produktion verboten, es folgten Mammutprozesse gegen Monsanto.

Auch das erste genmodifizierte Produkt von Monsanto, das Rinderwachstumshormon Posilac, eingeführt 1994, brachte heftige Kontroversen. Gedacht, um Kühe zu höheren Milchleistungen zu treiben, führte es bei den Tieren zu Fruchtbarkeitstörungen und Euterentzündungen. Später kam heraus, dass Monsanto für die Zulassung Untersuchungsergebnisse unterdrückt und geschönt sowie einen Mitarbeiter der US-Zulassungsbehörde bestochen hatte. In Europa wurde das Wachstumshormon verboten, weil es im Verdacht stand, Krebs auszulösen.