Dax-KonzerneInvestoren übernehmen die Deutschland AG

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„Personifizierung eines Interessenkonflikts“

Aufsichtsratschef Pötsch und der neue Konzernchef Herbert Diess
VW-Aufsichtsratschef Hans-Dieter Pötsch (l.) und Konzernchef Herbert Diess (Foto: Getty Images)

Aktionäre stehen der Art und Weise, wie leitende Angestellte deutscher Unternehmen nahtlos in den Aufsichtsrat wechseln, oft kritisch gegenüber: Hans Dieter Pötsch war VW-Finanzvorstand als der Dieselskandal ausbrach und übernahm im gleichen Jahr den Vorsitz des Aufsichtsrates. Auf der VW-Hauptversammlung 2016 nannte ihn ein Investor „die Personifizierung eines Interessenkonflikts“.

Heute orientierten sich die Aufsichtsräte „im Umgang mit dem Management viel stärker an der Marktstimmung als früher“, sagt der Investmentbanker. Das duale Führungssystem „bietet deutschen Unternehmen daher nicht mehr den gleichen Schutz vor Aktionären, Aktivisten und Raubtieren wie in der Vergangenheit“.

Bereits vor der Bayer-Hauptversammlung Ende April erschütterten Aktionäre die deutsche Unternehmenslandschaft. Die aktivistischen Investoren Cevian Capital und Elliott Management drängten im vergangenen Jahr den deutschen Mischkonzern Thyssenkrupp erfolgreich zur Aufspaltung. Es war ein mit harten Bandagen geführter Kampf: Ulrich Lehner, der damalige Aufsichtsratsvorsitzende, warf den Aktivisten vor mit „Psychoterror“-Methoden gegen Führungskräfte vorzugehen.

Auch an der Spitze der Deutschen Börse gab es Probleme, die dazu führten, dass Chefkontrolleur Joachim Faber in der vergangenen Woche seinen vorzeitigen Rücktritt ankündigte. Ein Verfahren wegen Insiderhandels gegen das Unternehmen und den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Carsten Kengeter brachte die Aktionäre der Deutschen Börse gegen Faber auf.

Keine Kungelei im Hinterzimmer mehr

Vor diesem Hintergrund ist es unwahrscheinlich, dass die Bayer-Hauptversammlung die einzige bleibt, auf der die Stimmung hochkocht. „Die Fetzen werden in diesem Jahr definitiv fliegen“, sagt Ingo Speich, Fondsmanager bei Deka Investment.

Der Aktionärsaktivismus ist in Deutschland ein relativ junges Phänomen. Das Land wurde lange Zeit von der Deutschland AG dominiert, einem komplexen System von Kreuzbeteiligungen zwischen Banken, Versicherern und großen Industrieunternehmen, das Deutschlands Unternehmensjuwelen vor Jägern schützen sollte. Dies führte dazu, dass die Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank einmal mehr als 135 Aufsichtsratsmandate bei anderen Unternehmen innehatten.

In der Wahrnehmung der Aktionäre wurden durch das Modell der Deutschland AG große Unternehmensentscheidungen von einer kleinen Gruppe von Insidern hinter verschlossenen Türen getroffen, die häufig mit Politikern und Bürokraten unter einer Decke steckten.

Diese Form des Kapitalismus hat sich in diesem Jahrhundert allmählich verändert. Als 2001 die Entscheidung fiel, die Kapitalertragsteuer auf die Veräußerung von Kreuzbeteiligungen abzuschaffen, löste dies eine Welle von Unternehmensumstrukturierungen aus, während ein neuer Coroporate Governance Kodex die Anzahl der Mandate von Einzelpersonen streng begrenzte. Unternehmen passten sich den internationalen Normen der Finanzberichterstattung an und setzen seitdem auf wertorientierte Anreizsysteme für ihre Führungskräfte. Und als immer mehr internationale Investoren in den deutschen Markt eintraten, setzte sich das Prinzip der Maximierung des Shareholder Value durch. Nach Angaben der Beratungsgesellschaft EY befinden sich 54 Prozent der Anteile an Dax-Unternehmen nun in ausländischer Hand. Bei Bayer sind es sogar 74 Prozent.