InvestitionsstauWarum Schulen ein Sanierungsfall sind

Absperrung an einer Berliner Schule
Absperrung an einer Berliner Schule: Viele Schulen in Deutschland sind sanierungsbedürftigdpa

Uwe Tölle hat eine einfache Theorie. „Ich glaube, Schüler gehen besser mit Räumen um, die schön aussehen“, sagt der Leiter der Elly-Heuss-Schule in Wiesbaden. „Wo es rapplig ist, wird es noch rappliger.“ Tölles Problem: Das Gebäude, dessen Tür er gerade öffnet, würden viele wohl als rapplig bezeichnen. Und es gehört zu seiner Schule.

Die Elly-Heuss-Schule liegt am Platz der Deutschen Einheit in Wiesbaden. Der Platz ist schmuck renoviert, mit sauberen Gehwegplatten, Rasenflächen und neu gepflanzten Bäumchen. Gegenüber der Schule steht ein Neubau aus Glas und Stahl mit einer Tiefgarage und einem dieser Supermärkte, deren Gastrobereich eher an eine Flughafen-Lounge denken lässt als an einen Lebensmittelladen. Deutschland, wie es sich gerne sieht im Jahr 2017, mitten in der Hauptstadt eines Bundeslandes, dem es gut geht: Hessen dürfte in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge ohne neue Schulden auskommen.

11 Grad im Klassenzimmer

Die Schule aber hat davon wenig. Als ihre Schüler im Januar aus den Weihnachtsferien zurückkamen, wurden sie gleich wieder nach Hause geschickt: Die uralte Heizungsanlage war kaputt, in den Klassenräumen herrschten Temperaturen um die 11 Grad Celsius. Zudem reicht das Gebäude hinten und vorne nicht aus, um die 1140 Schüler unterzubringen. Die Oberstufe muss seit Langem im alten Arbeitsamt von nebenan lernen. Es ist das Haus, vor dem Tölle seine Rappel-Theorie verkündet. Graffiti an den Außenwänden, enge Räume, schmuddelige Fenster, mittags sammeln sich schon mal die Säufer vor den verrammelten Seitentüren. Unter Eltern der Schule sei der Bau als „stinkende Ruine“ bezeichnet worden, schrieb der „Wiesbadener Kurier“. Tölle tut, was er kann, um das Haus nutzbar zu machen, er hat neue Böden verlegen und die Toiletten streichen lassen. Aber eigentlich ist an dieser Stelle seit zehn Jahren ein Neubau geplant. Eigentlich.

Tölles Schule ist nicht einmal ein besonders schlimmer Fall. Mit ihren Sanierungsmängeln ist sie ganz normaler Durchschnitt, in Hessen wie in Deutschland. Pannen, Improvisation und die Verwaltung von Mängeln sind in Tausenden Schulen Alltag. Die Volkswirte der KfW-Bankengruppe haben ausgerechnet, dass es allein bei der schulischen Infrastruktur einen Investitionsrückstand von 33 Mrd. Euro gibt.

Dabei ist Bildung für die Politik ein gigantisches Thema. Um wenig wird so erbittert gestritten, kaum etwas so energisch gefordert wie bessere Bedingungen für Schüler. Vor der Bundestagswahl gingen Politiker aller Parteien mit Bildungsforderungen hausieren. „Schulranzen verändern die Welt. Nicht Aktenkoffer“, behauptete FDP-Chef Christian Lindner auf seinen Plakaten. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz versprach 12 Mrd. Euro Bildungsgelder zusätzlich für die neue Legislaturperiode. Die alte Bundesregierung verabschiedete Ende 2016 einen Nachtragshaushalt, der finanzschwachen Kommunen mit 3,5 Mrd. Euro dabei helfen soll, ihre Schulen auf Vordermann zu bringen. Dagegen gab es Widerstand, weil es dem Bund eigentlich per Grundgesetz verboten ist, die Bildungspolitik der Länder mit finanziellen Zuweisungen zu beeinflussen. Aber auch das ist jetzt nicht mehr sakrosankt: In einer Meinungsumfrage des Yougov-Instituts sprachen sich 72 Prozent der Befragten dafür aus, dem Bund mehr Kontrolle über die Bildung zu geben.

Fest steht, dass das reiche Deutschland sich um seine Schulen zu wenig kümmert. Im Vergleich zu anderen Staaten der Industrieländergruppe OECD liegt das Land im unteren Viertel, was die Bildungsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt angeht.

Ausgaben für Bildungseinrichtungen gemessen am BIP, in Prozent
Ausgaben für Bildungseinrichtungen gemessen am BIP, in Prozent (Foto: Studio Tusch)

„Es gibt Schulen hier, die wie Abbruchhäuser aussehen“, sagt Kai Eicker-Wolf von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Hessen. Für Eltern, die ihre Kinder einschulen, ist das oft ein kleiner Schock: Während Privatunternehmen in funkelnde Neubaupaläste einziehen, sitzt der Nachwuchs in Klassenzimmern, die wirken, als hätte sich seit den 70er-Jahren nichts mehr getan. Renovierungen finden oft nur statt, weil engagierte Eltern, Schüler und Lehrer am Wochenende den Pinsel schwingen. Wenn lokale Unternehmen ihre alten Computer ausmustern, landen die zuweilen in den Klassenräumen, abgeholt von einem Vater, der ein großes Auto hat. Wenn es gut läuft, darf er gleich noch ein paar alte Tische mitnehmen.

Auch in der Elly-Heuss-Schule wurden die Klassenräume von den Schülern gestrichen – oben weiß und unten blau, damit man Macken nicht so leicht sieht. Immerhin kam das Geld für die Farbe von der Stadt.