AfrikaInternet in Afrika: von Wegbereitern und Wettläufern

Schulkinder mit Kopfhörern und Tablets in Kenia. Lange galt Afrika als Waisenkind, was den Internet-Zugang angeht. Doch der Kontinent holt kräftig auf.
Schulkinder mit Kopfhörern und Tablets in Kenia. Lange galt Afrika als Waisenkind, was den Internet-Zugang angeht. Doch der Kontinent holt kräftig auf. Stephen Gacheru / BRCK

Afrika ist in vielerlei Hinsicht gespalten, doch die Kluft zwischen Stadt und Land ist die tiefste. Armut und Hunger sind zumeist ländlich. Hauptstädte wie Nairobi boomen, das Hinterland hält nicht Schritt. Auch Afrikas digitale Vernetzung ist keine Ausnahme: Umschlingen Internet-Giganten längst den Kontinent mit eigenen Unterseekabeln, um an strategische Städte anzuknüpfen, so ringen engagierte Start-ups darum, auch entlegenen Landstrichen das Internet zu bringen – also jenen am Rande der Technologiegesellschaft.

Eine solche Gründerin ist in Deutschland gerade mit dem renommiertesten Preis ausgezeichnet worden, den das Land für gesellschaftspolitische Anerkennung in Afrika zu bieten hat. Erstmals würdigte die Deutsche Afrika-Stiftung eine junge Unternehmerin, der gar Kanzlerin Angela Merkel die Trophäe überreichte: Die gekürte Juliana Rotich ist so eine Wegbereiterin, IT-Pionierin und Gallionsfigur der IT-Szene in Kenia. „Der Preis wirft ein Schlaglicht auf digitale Wertschöpfung, wo man sie nicht vermuten würde“, sagte sie zum Dank.

Ihre Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte, weil sie zuerst eine digitale Nachrichtenbörse gegründet hat, über die anfangs Gewaltexzesse nach umstrittenen Wahlen von Zeugen online dokumentiert werden konnten und die mittlerweile auch bei Katastrophen gute Dienste leistet. Vor allem aber ist sie Mitgründerin des Start-ups BRCK, dessen Name so ausgesprochen wird wie der Ziegelstein im Englischen. Die Firma erleichtert die digitale Kommunikation und revolutioniert so den Informationsfluss in Kenias Peripherie: mit einer Kombination aus Modem, Server und Speicher, die – auf Masten montiert – über einen Dienst namens „Moja“ das Internet öffentlich zugänglich macht. Der Dienst ist kostenlos, weil werbefinanziert. Und das eben auch in Dörfern, die sich Datenpakete sonst nicht leisten könnten.

Spotlight auf Afrikas Hightech-Szene: Bundeskanzlerin Angela Merkel vergibt den Deutschen Afrika-Preis 2019 an die Gründerin Juliana Rotich.
Spotlight auf Afrikas Hightech-Szene: Bundeskanzlerin Angela Merkel vergibt den Deutschen Afrika-Preis 2019 an die Gründerin Juliana Rotich.

Vier von zehn Afrikanern nutzen heute das Internet

Dabei ist Kenia neben Südafrika und Nigeria ein Musterland der Digitalisierung. Noch 2008 hatten nur acht Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet, heute sind es 88 Prozent. Das Land steht stellvertretend für Afrika als einer der letzten Riesenmärkte für organisches Wachstum. Die Informations- und Kommunikationsbranche liefert sich dort einen Wettlauf. Im Durchschnitt sind inzwischen vier von zehn Afrikanern online, in absoluten Zahlen sind es 523 Millionen, gegenüber mehr als 447 Millionen in Lateinamerika oder 328 Millionen in Nordamerika.

Jedoch ist bei der Verbreitung noch viel Luft nach oben: Sie liegt weit hinter den 52 Prozent in Asien, 68 Prozent in Lateinamerika, 87 Prozent in Europa und 89 Prozent in Nordamerika. Wenn in dem bevölkerungsreichen Nigeria 112 Millionen Menschen online sind, dann ist das schon jeder fünfte Internetnutzer Afrikas. Bemerkenswert ist zudem die Korrelation zwischen der urbanen und der ländlichen Bevölkerung: 567 Millionen der 1,3 Milliarden Afrikaner 2019 leben in Städten, das sind rund 40 Prozent.

In Kenia hat die Verlegung von Glasfaserkabeln viel bewirkt. „Wir haben 4G in den meisten Städten und passable Anbindung in den meisten Landesteilen“, sagt Preisträgerin Rotich. Entscheidend seien aber die Kosten: Wenn ein Kleinunternehmer 20 bis 30 Prozent seines Einkommens für den Anschluss an die Datenautobahn aufwenden müsse, blieben ihm viele Chancen des Internets weiter verschlossen, ob bei Einkauf, Akquise oder der Teilnahme an begehrten Ausschreibungen der Regierung. An dieser Stelle kommt BRCK mit seinen Internetboxen ins Spiel.

Multiverbindungsgerät für ungehinderte Kommunikation

Ein kostenloses Inernet-Dienst. Ein Handwerker trägte das Logo von Moja auf seinem T-shirt.
Ein kostenloses Inernet-Dienst in Kenia. Ein Handwerker trägte das Logo von Moja auf seinem T-shirt.

Die multifunktionalen robusten Geräte, die über Batterien und Solarstrom zur besten verfügbaren Internetverbindung wechseln, sei es Ethernet, mobiles Internet oder 3G, sind eine technische Innovation und bringen gesellschaftlichen Nutzen. Der mitentwickelte Service Moja, der auch in Nairobi in vielen Nah- und Fernbussen und an Kiosken für kostenloses WLAN sorgt, stellt über Miniknoten Inhalte zur Verfügung – lizenzfreie Bücher, regionale Filme und Musik zum Herunterladen, und auch die Facebook-App. Denn Mark Zuckerberg gehört zu den Geldgebern von BRCK, wie Rotichs Mitgründer Erik Hersmann in einem „Forbes“-Artikel verriet.

Facebook hat Stadt und Land zugleich im Blick, um die nächste Milliarde Menschen online zu erreichen – auch dort, wo Strom und WLAN Mangelware sind. Der afrikanische Markt wird 2025 knapp 1,5 Milliarden Menschen umfassen, mit 100 Städten von mehr als einer Million Einwohner. Bis 2050 soll die Bevölkerung sich verdoppeln. Tausende Dörfer werden aber unterversorgt bleiben. Mit der Übernahme des artverwandten Anbieters Surf stieg die Zahl der öffentlichen Miniknoten in Kenia auf 2000 mit bis zu 500.000 Nutzern im Monat. Ein Geschäftsmodell, das mit kleinen Datenvolumen auch für kleines Geld in anderen Ländern ausgerollt werden kann.

Fünf Unterseekabel nach Nigeria geplant

Während die Afrikanische Union darüber berät, wie digitale Infrastruktur grenzüberschreitend zu planen ist, lässt neben Google auch Facebook ein eigenes Unterseekabel nach Afrika verlegen. Schnelle Datenautobahnen sollen den wachsenden Bedarf nach schnellem WLAN befriedigen. Noch stellt Afrika nur 11,5 Prozent der Internet-Nutzer weltweit – vor Lateinamerika (10) und Nordamerika (7,2), aber noch weit hinter Europa (16) und Asien (51 Prozent). Bald aber wird Nigeria mit fünf Unterseekabeln über Europa mit der Welt verbunden sein – eines davon ein Facebook-Projekt. Und auch der chinesische Technologie-Konzern Huawei verbindet Afrika mit Südamerika.

Studien belegen, dass Internet-basierte Dienste und Breitband noch mehr als der Mobilfunk wirtschaftliches Wachstum und menschliche Entwicklung vorantreiben. So rechnete die Weltbank aus, dass ein Breitbandausbau um zehn Prozent das Wirtschaftswachstum in China um 2,5 Prozent gesteigert hat. Afrikas Regierungen entdecken das Potenzial erst allmählich.

Wie auch die deutsche Wirtschaft. Zwar ist der Softwarekonzern SAP seit Jahren in Afrika aktiv. Eine vom Entwicklungsministerium gegründete strategische Partnerschaft Digitales Afrika hat trotz öffentlicher Anreize aber kaum nennenswerte Projekte hervorgebracht. Immerhin hat die Wirtschaft 2019 ein erstes IKT-Forum mit Afrika organisiert. Doch die Bundeskanzlerin schien dankbar, bei der Preisverleihung das Schlaglicht auf Afrikas Hightech-Szene lenken zu können. Mit einer Werbung für deutsches Risikokapital und einer Mahnung: „Verpassen wir den Zug der Zeit nicht.“