GastkommentarIndustrie 4.0 - Schluss mit der Unsicherheit


Peter Schmid ist seit 2012 CEO und geschäftsführender Gesellschafter von „Wer liefert was“, einem B2B-Marktplatz in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zuvor war er Geschäftsführer der Online-Partneragentur ParshipPeter Schmid ist seit 2012 CEO und geschäftsführender Gesellschafter von „Wer liefert was“, einem B2B-Marktplatz in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zuvor war er Geschäftsführer der Online-Partneragentur Parship


Die gute Nachricht: Nach Jahren des gefühlten Ausruhens auf alten Erfolgen seitens der deutschen Wirtschaft ist das Thema Industrie 4.0 mehrheitlich auf Entscheiderebene angekommen – vor allem im Mittelstand. Das zeigt auch das aktuelle Ifa-Trendbarometer: Rund 90 Prozent der deutschen Unternehmen sehen in der Digitalisierung eine hohe Bedeutung für die Zukunft. Negativ ist jedoch, dass nur 30 Prozent nach eigenen Angaben ein klares Verständnis von Industrie 4.0 haben.

Der Wille ist da, aber das Wissen fehlt! Unternehmer wissen schlicht nicht genau, wo sie in ihrem Unternehmen ansetzen sollen und wie sie das Thema im unternehmerischen Kontext zukunftsfähig einzuordnen haben. Diese Unsicherheit führt dazu, dass viele Unternehmer nicht wissen, was sie konkret tun sollen oder wichtige Entscheidungen aufschieben, in einer Zeit, in der progressives, unternehmerisches Denken und Handeln gefragt sind.

Vorgetäuschte Marktbeobachtung

Die Unsicherheit beginnt bereits beim Begriff. Die Bundesregierung spricht von Industrie 4.0, wenn „Bauteile eigenständig mit der Produktionsanlage kommunizieren und bei Bedarf selbst eine Reparatur veranlassen“. Bei dieser Definition geht es ausschließlich um den industriellen Produktionskontext. Das ist nicht völlig falsch, aber zumindest eine sehr eingeschränkte Sichtweise. Denn Industrie 4.0 betrifft alle Unternehmensbereiche, die gesamte Wertschöpfungskette einer Unternehmung. Angefangen bei Beschaffung, Logistik, Produktion sowie Marketing und Vertrieb. Sie spielt schon am Anfang der Wertschöpfungskette eine entscheidende Rolle, also dort, wo sich Anbieter und Käufer treffen. Und sie endet bei der digitalen Präsentation des Unternehmens mit seinem Produkt- und Dienstleistungsportfolio, sprich: Online-Sichtbarkeit ist zu einem wichtigen Digitalisierungsbaustein geworden. Unternehmen bieten sich dadurch unzählige, teilweise auch völlig neue Absatzmöglichkeiten. Neue Zielgruppen im In- und Ausland können erreicht werden, unabhängig vom Standort der Firma.

Es werden jedoch immer zuerst die Herausforderungen gesehen und weniger die Chancen. So stellen einige Unternehmen nicht nur fest, dass sowohl ihre eigenen Strategien als auch Geschäftsmodelle es immer schwerer haben, sondern sehen auch, wie die Digitalisierung weltweit den Markt dynamisch verändert und beschleunigt. Insbesondere die digitale Integration von Kunden und Partnern in Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse als wichtige Komponente der Industrie 4.0 verunsichert Unternehmen, so dass einige von ihnen eine Wartestellung einnehmen, die fatale, sogar existenzbedrohende Folgen haben kann. Denn der fundamentale Veränderungsprozess, der sich aus der fortschreitenden und nicht mehr aufzuhaltenden Digitalisierung ergibt, ist unumkehrbar und alle Unternehmen müssen sich damit auseinandersetzen.

Abwarten ist nicht die Lösung

Eine solche Wartestellung hat sich in den letzten Jahren in den unterschiedlichsten Branchen eingestellt und wurde zumeist als „Marktbeobachtung“, oder als „nicht auf jeden Zug aufspringen“ abgetan. Gegen eine aufmerksame Marktbeobachtung ist natürlich nichts einzuwenden, ist sie doch ein wichtiges strategisches Element. Abwarten kann aber nicht die Lösung sein. Im Gegenteil. Ein Unternehmen sollte die Digitalisierung aktiv angehen.

Das bedeutet, dass das Unternehmen im ersten Schritt die Notwendigkeit der Veränderungen erkennen und die Herausforderung auf die strategische Agenda des Unternehmens setzen muss. Denn nur wenn das Thema als Prozess verstanden wird, können die betroffenen Unternehmensbereiche den Weg hin zur Digitalisierung ebnen. Wilder Aktionismus ist aber nicht angebracht. In einem nächsten Schritt sollte ein Plan erstellt werden, an dem sich das Unternehmen abarbeiten kann. Meilensteine und Etappenziele festzulegen, hilft bei der Kontrolle, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist. Stellt man bei der Planerstellung fest, dass man die Expertise nicht im eigenen Unternehmen hat, ist es sinnvoll, sich Rat und Hilfe zu holen. Dies kann über externe Beratung geschehen, die den Veränderungsprozess einleitet, die Prozesse im Unternehmen implementiert und die Expertise im Unternehmen aufbaut, aber nur einen Teil des Weges mitgeht. Oder das Unternehmen stellt Personal mit dem entsprechenden Know-how ein und bindet so das Wissen langfristig.

Als letzter Punkt ist es wichtig, dass der Veränderungsprozess als Teil der Unternehmensführung verstanden wird. Nur wenn das Management den Willen zu Veränderungen mitträgt, können die notwendigen Ressourcen freigegeben und Entscheidungen getroffen werden. Beachtet man diese vier Punkte, wird aus einer Wartestellung eine Handlung, die das Unternehmen für die Zukunft aufstellt.