EU-AustrittIn Dover droht das Brexit-Chaos

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Doch auch jenseits des drohenden Verkehrsinfarkts dürfte der Brexit in Kent Spuren hinterlassen – bei den Unternehmen, die bislang die Nähe zum Kontinent nutzen. In einer kleinen Werkstatt an der Straße vom stillgelegten Airport zum Hafen von Ramsgate etwa bauen der Deutsche Kai Tönjes und seine französische Frau Claire Dugué Musikinstrumente in Handarbeit: Mandolinen, Busukis, Gitarren und Leierkästen.

Vor 18 Jahren sind sie hergekommen, haben eine Familie gegründet und lange das Leben an der Küste genossen. Aber jetzt denken sie darüber nach, Großbritannien zu verlassen. Der Brexit droht ihr Geschäft zu zerstören. „Ich habe mehrere EU-Kunden, die deswegen zögern, bei mir zu bestellen“, sagt Claire Dugué. Zoll und Einfuhrumsatzsteuer könnten die Produkte über Nacht um bis zu 40 Prozent verteuern, dann könnten sie nicht mehr mit der Konkurrenz aus Kontinentaleuropa mithalten. Und für Instrumente, die aus artengeschützten Hölzern gebaut sind, müssten sie womöglich spezielle Zertifikate vorweisen, damit sie in die EU exportieren dürfen.

Instrumentenbauerin Claire Dugué bangt um ihre Zukunft. Sie und ihre Familie überlegen, Großbritannien zu verlassen
Instrumentenbauerin Claire Dugué bangt um ihre Zukunft. Sie und ihre Familie überlegen, Großbritannien zu verlassen – Foto: O. Piispanen

Aber am meisten hat die beiden getroffen, dass einige Menschen in Ramsgate sie seit dem Brexit-Referendum anders behandeln. „Ich spreche mit meinen Kindern oft Deutsch, auch auf der Straße. Doch am Tag nach dem Referendum haben sich Leute plötzlich nach uns umgedreht“, sagt Tönjes.

64 Prozent der Wähler im Bezirk Ramsgate und 62 Prozent im Distrikt Dover haben für „Leave“ gestimmt. Die Region ist strukturschwach. Schon vor Jahrzehnten machten Kohlegruben und manche Industriebetriebe dicht, brach der einst blühende Tourismus zusammen. Dover ist eine Durchgangsstation geworden. Wer nicht im Hafen oder im Transportgewerbe arbeitet, hat vom nie enden wollenden Verkehr nicht viel, nur Abgase.

So mancher „Brexiteer“ hofft daher noch immer, dass alles besser wird nach dem 29. März. „Brüssel hat uns so viele Vorschriften gemacht, jetzt können wir wieder selbst entscheiden“, sagt Clifford, ein Rentner, der in Dover nahe dem Banksy-Graffiti seinen Hund ausführt.

Aber was ist mit den drohenden Staus? „In Frankreich haben sie dann auch Stau“, sagt er trotzig.