EU-AustrittIn Dover droht das Brexit-Chaos

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Einen Vorgeschmack auf das Verkehrschaos bekam die Grafschaft Kent, zu der Dover gehört, schon im Sommer 2015. Damals streikten Fähr- und Hafenmitarbeiter in Calais; dazu sperrten die Behörden wegen der Flüchtlingskrise immer wieder den Eurotunnel. Vor dem Hafen und auf den Autobahnen standen Tausende Lastwagen in endlosen Kolonnen. Die britische Polizei sperrte die Autobahn M20 über Kilometer und fungierte sie zu einem gigantischen Lkw-Parkplatz um. Der übrige Verkehr, der umgeleitet wurde, kam trotzdem kaum durch. Viele Trucker versuchten, sich über Landstraßen zu ihrem Ziel durchzuschlagen. Mit dem Ergebnis, dass diese Wege dann oft auch blockiert waren.

„Unsere größte Sorge ist, dass es beim Brexit einen totalen Verkehrsstillstand gibt“, sagt Peter Oakford. Der 57-jährige frühere Ölmanager ist stellvertretender Vorsitzender des Grafschaftsrats von Kent. Die Grafschaft hat untersuchen lassen, was im Ernstfall drohen könnte. Ihre Studie liest sich wie ein Katastrophenszenario: Müllberge in den Straßen, Arbeitnehmer, die nicht zur Arbeit kommen, Rettungswagen und Pflegedienste, die stecken bleiben. Selbst die Versorgung mit Lebensmitteln könnte in Gefahr geraten.

„Wir sehen Mobilität als selbstverständlich“, sagt Oakford. „Aber wenn sich die Leute nicht mehr frei bewegen können, werden sie Gefangene in ihren eigenen Dörfern.“ Seit Monaten touren Vertreter des Grafschafts- und des Bezirksrats von Dover, die beide von konservativen Politikern geführt werden, nach London: um die Entscheider auf die Risiken aufmerksam zu machen.

Es hat gedauert, bis sie gehört wurden. Dominic Raab, bis vor Kurzem Brexit-Minister, war noch im Amt, als er im November über den Hafen von Dover sagte: „Mir war nicht bewusst, welches Ausmaß das hat.“

Immerhin gibt es Notfallpläne. Allen voran die „Operation Brock“, die vorsieht, Abschnitte der M20 wieder zum Lkw-Parkplatz zu machen, genau wie eine zweite Schnellstraße und den vor Jahren stillgelegten Flughafen Manston nordöstlich von Dover. Hier auf dem Kent International Airport ließ die Londoner Regierung am 7. Januar den Brexit-Stau proben: 89 Lkw fuhren vom Airport zum Hafen von Dover und wieder zurück. Anschließend erklärte das Verkehrsministerium, die Tour habe sicherstellen sollen, dass es „einen wirksamen Plan für den Fall von Störungen nach dem EU-Austritt“ gebe. Oakford hat da seine Zweifel. „Im Ernstfall werden Tausende Lkw nach Manston kommen.“ Über schmale Sträßchen voller Schlaglöcher.

Fährdienst ohne Schiff

Seit 2013 ist keine Fähre mehr in Ramsgate eingelaufen. Nun soll der Hafen ausgebaggert werden
Seit 2013 ist keine Fähre mehr in Ramsgate eingelaufen. Nun soll der Hafen ausgebaggert werden – Foto: O. Piispanen

Im alten Hafen von Ramsgate, gut 20 Kilometer nördlich von Dover, baggert seit dem 3. Januar ein niederländisches Spezialschiff den Grund aus. Der kleine Hafen, den seit über fünf Jahren keine einzige Fähre mehr angelaufen hat, soll nun reaktiviert werden und Dover ein bisschen entlasten. 13,8 Mio. Pfund (gut 15 Mio. Euro) hat die britische Regierung dem Unternehmen Seaborne Freight dafür versprochen, dass es zwei Verbindungen täglich nach Ostende in Belgien einrichtet.

Es gab durchaus Spott für die Entscheidung. Das Unternehmen nämlich hat noch nie eine Fähre betrieben. Bis Mitte Januar verfügte es nicht einmal über ein Schiff. Als Journalisten einen Blick in die Allgemeinen Geschäftsbedingungen auf der Website warfen, entdeckten sie, dass die Terms and Conditions offenbar von einem Essenslieferdienst kopiert worden waren. Ob Seaborne so tatsächlich schnell für Entlastung sorgen kann, ist mehr als fraglich.