Interview„Die heile Welt der sozialen Marktwirtschaft ist vorbei"

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Für Anhänger einer liberalen Marktwirtschaft ein Albtraum.

Na ja, es muss ja nicht heißen, dass wir alles einfrieren und den Fortschritt beenden. Die Chinesen machen es vor, die betreiben wenn nötig von oben ganz radikale Strukturveränderungen. Es muss auch nicht heißen, dass alles Kapital nur noch in sinnlose Projekte fließt und Zombie-Firmen entstehen. Nehmen wir nur mal den Kampf gegen den Klimawandel: Von ganz allein fließt das Kapital nicht in die richtigen Unternehmen und Projekte. Aber ja, in die heile Welt der sozialen Marktwirtschaft der 50er-Jahre kommen wir nicht zurück.

Ein gelenkter Kapitalismus?

Für mich ist die Regulierung der Banken nach der Finanzkrise zukunftsweisend: Hier haben Staaten, Aufseher und Notenbanken ja massiv in die Finanzmärkte eingegriffen. Nach diesem Modell funktioniert heute China, funktionieren die USA. Und die Eurozone mehr und mehr inzwischen auch.

Sie meinen, so wie wir seit zehn, 15 Jahren den Bankensektor managen, so machen wir das auch im Rest der Wirtschaft in den nächsten Jahren?

Sie klingen jetzt ein bisschen entsetzt: Wenn die Zentralbank eingreift, ist ja alles manipuliert. Worauf die Antwort ist: Ja, aber in einem positiven Sinne. Wir haben die Fähigkeit demonstriert, aus Krisen zu lernen. Das stellt nicht den Kapitalismus infrage, gar nicht. Aber er wird einfach nur intelligenter gemanagt. Wir eliminieren noch nicht mal die Risiken, wir verdrängen sie nur. Aber das ist ja schon etwas. Im Finanzsektor schlummern die Risiken jetzt auch nicht mehr in den Bilanzen der Deutschen Bank oder bei Lehman. Sondern bei der Zentralbank. Dort sind sie immerhin transparenter.

Das ist eine Vision von Technokraten.

In den USA und in Großbritannien verfahren die Zentralbanken pragmatisch. Aber sie haben recht, natürlich brauchen wir für diese Politik eine politische Legitimation und nach dem Urteil des deutschen Verfassungsgerichts erst recht. Man sollte sich aber von den deutschen Verfassungsrichtern und den Kleinsparern nicht in die Defensive treiben lassen. Im Gegenteil. Es geht um eine zeitgemäße Austarierung der Verantwortungen. Die Technokraten betteln doch darum. Christine Lagarde von der EZB, selbst Jens Weidmann von der Bundesbank, sie alle sagen: Wir stützen die Eurozone über die Geldpolitik, weil sonst der Karren vor die Wand fährt. Aber wir brauchen eine politische Grundlage: ein Mandat und als Ergänzung eine vernünftige Fiskalpolitik.

Die fehlende Legitimation ist das Stichwort: Europa wirkt in diesen Wochen so zerstritten und wie selten. Wie lange kann das noch gut gehen – droht gar ein Bruch der Eurozone?

Wenn man mit einem englischen Akzent von New York aus über die Eurozone urteilt, dann sollte man vorsichtig sein. Der Euroskeptizismus hat zum Teil utopische Dimensionen. Einen Bruch der Eurozone halte ich für sehr unwahrscheinlich. Meine Vision für die Eurozone ist eine zunehmend schlechte Ehe, aus der sich niemand trennt. Denn eine Scheidung wäre zu schlimm, die Kosten zu hoch. Es ist eine Verelendung – politisch, ökonomisch, emotional.

Was bräuchten wir denn, um die Beziehungen zu unseren Nachbarn zumindest zu bessern?

Zunächst einmal muss man sich bewusst machen, wie schlecht die Stimmung in der EU und zwischen den Euro-Partnern inzwischen ist. Es gibt so viel aufzuarbeiten in der europäischen Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte, so viel Misstrauen und Frustrationen und Demütigungen – das ähnelt in gewisser Weise bürgerkriegsähnlichen Erinnerungsstrukturen inzwischen, und die vergehen nicht ohne weiteres!

Und dann?

Ein Weg wäre, tatsächlich ernst zu machen mit der Konstruktion eines europäischen Staatsgebäudes. Das ist natürlich schwierig, ich weiß das. Aber das wäre die Legitimation, die Europa so dringend bräuchte.