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Kriminalität Immer mehr Geldautomaten werden gesprengt – das steckt dahinter

Gesprengter Geldautomat in einer Bankfiliale in Duisburg 2022
Gesprengter Geldautomat in einer Bankfiliale in Duisburg 2022
© IMAGO / Reichwein
Die Zahl der Banküberfälle sinkt seit Jahren – dafür werden immer häufiger Geldautomaten in die Luft gejagt. Wie gehen die Täter vor? Und was können Banken und Ermittler tun?

Es ist mitten in der Nacht, als im Zentrum der Kleinstadt Reken ein lauter Knall ertönt. Es wird hell, Scherben fliegen bis auf die andere Straßenseite. Drei maskierte, schwarz gekleidete Männer rennen ins Erdgeschoss eines Klinkerbaus, kommen kurz darauf mit Taschen wieder heraus und steigen in ein wartendes Auto. Gefilmt hat die Szene ein Anwohner, anschließend landete das Video im Netz. Geschehen ist der Bankraub vor wenigen Tagen in Reken im Münsterland.

Die Tat, bei der zwei Geldautomaten der in einer Filiale der Sparkasse Westmünsterland gesprengt wurden, ist alles andere als ein Einzelfall – sie zeigt ziemlich genau, wie Bankräuber heute vorgehen. Sie überfallen keine Schalterhallen mehr, sondern räumen Geldautomaten leer. Und das ziemlich systematisch.

2021 wurden in ganz Deutschland 392 Mal Geldautomaten gesprengt, innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl damit verzehnfacht. Die Zahl der Banküberfälle nimmt dagegen seit Jahren konstant ab. Ende der 1990er-Jahre gab es noch über tausend davon im Jahr, 2021 waren es nur noch 28. In Dänemark wurde im letzten Jahr keine einzige Bank ausgeraubt.

Banküberfälle sind schwer planbar

Die Trendwende hat natürlich damit zu tun, dass es weniger Bankfilialen gibt und viel mehr Geldautomaten; aber auch damit, dass die Täter professioneller werden – und die Ermittler ebenfalls.

Nachdem Mitte Dezember 2022 im unterfränkischen Kleinostheim eine Bankfiliale überfallen worden war, brauchte die Polizei beispielsweise nur einen Tag, um den Täter – und die Beute – ausfindig zu machen. Sein Fluchtweg konnte mithilfe von Suchhunden genau rekonstruiert werden, die Personenbeschreibung war detailliert.

Banküberfälle finden in aller Regel während der Geschäftszeiten statt, wenn Kunden die Tat beobachten können – das hilft den Ermittlern. Bankräuber müssen sprechen oder sich schriftlich äußern und hinterlassen dadurch mehr Spuren.

Viele Banken haben zudem über die Jahre ihre Schutzmaßnahmen verbessert und sich genau auf solche Taten eingestellt. Das Bankpersonal kann einen Alarm auslösen. Tresorräume mit Bargeld öffnen sich erst zeitverzögert, wodurch der Polizei mehr Zeit bleibt, einzugreifen.

All das erhöht das Risiko für die Täter, gefasst zu werden. „Dass andere Menschen vor Ort sind, macht Banküberfälle schwer planbar“, erklärt der Kriminologe Frank Neubacher von der Universität Köln. „Sie gehen häufig schief und haben dann fatale Folgen. Bei Geldautomatensprengungen scheinen mir die Bedingungen günstiger zu sein.“

Täter fliehen mit 250 Kilometer pro Stunde

Geldautomaten stehen auf Supermarktparkplätzen und neben dem Kiosk in der Seitenstraße, viele sind leicht zugänglich und nicht besonders gesichert. Zwischen zwei und fünf Uhr morgens, wenn die meisten Täter zuschlagen, sind hier kaum andere Menschen unterwegs. Unerkannt zu fliehen ist deshalb deutlich leichter als bei einem Banküberfall am helllichten Tag – vor allem, wenn die Fluchtautos hochmotorisiert sind.

Der Mann, der Ende Februar 2022 in Hessen einen Geldautomaten in die Luft gejagt hat, flüchtet erst über die A2, dann die A30. Die Bielefelder Polizei ist an ihm dran, aber der Flüchtende nutzt sämtliche Fahrspuren inklusive des Standstreifens, erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 250 Stundenkilometern. Dann ist er über die niederländische Grenze, wo die dortige Polizei die Fahndung übernimmt. Die Strafverfolgung für die deutsche Polizei erschwert das erheblich.

Der Hauptgrund, warum die Täter so häufig entkommen können, seien die hohen Geschwindigkeiten, analysiert Detlev Boßbach, Kriminaldirektor beim Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen. „Die Täter agieren absolut skrupellos. Bei Fluchtgeschwindigkeiten von über 250 Kilometer pro Stunde kommt der Rechtsstaat an seine Grenzen, weil man ohne Gefährdung Dritter nicht eingreifen kann.“ Und in einem besonders stark betroffenen Bundesland wie NRW ist die niederländische Grenze nah.

NRW erlebt am meisten Sprengungen

Aus dem Nachbarland kommt ein Großteil der Täter. Amsterdam, Rotterdam und Utrecht gelten beim BKA als Zentren der organisierten Kriminalität – mehrere hundert Personen organisieren sich dort in kleinen Gruppen. In NRW stehen dazu mehr als 10.000 der bundesweit circa 65.000 Geldautomaten, Tatgelegenheiten gibt es also genug. 2022 war mit 182 Sprengungen ein Rekordjahr für NRW. Niedersachsen ist aufgrund seiner Grenznähe ebenfalls ein beliebter Tatort. Auch Hessen, Rheinland-Pfalz, Bayern und Baden-Württemberg werden immer öfter angegangen – stets bandenmäßig organisiert.

Die Gruppenstruktur beschreibt Boßbach so: „Im Regelfall gibt es einen Logistiker, der Fahrzeug und Sprengstoff besorgt und eventuell den Tatort auskundschaftet. Dann gibt es immer einen Fahrer, zwei bis drei Sprenger und zwei Helfer. Diese Gruppen operieren unabhängig voneinander, tauschen sich aber aus.“ Dadurch könnten sie ihr Tatvorgehen immer mehr verbessern.

Die Sprengungen selbst werden professioneller – und gefährlicher. Kam ungefähr bis 2020 meist noch ein Gas-Luft-Gemisch zur Sprengung der Automaten zum Einsatz, sind es seither häufig neu verpresste Feuerwerkskörper mit einer wesentlich höheren Detonationskraft. So konnten die Bewohner eines Hauses in Essen-Kupferdreh 2022 nicht in ihre Wohnungen zurück, nachdem ein Geldautomat in der Bankfiliale im Erdgeschoss gesprengt worden war. Der Sohn eines betroffenen Bewohners erzählte der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ danach, sein Vater sei „durch die Explosion sprichwörtlich aus dem Bett gefallen“ und die Wände seien voller Risse.

Millionen an Beute und rechtlich kaum ein Gegenmittel

Die Sachschäden, die durch die Detonation an Gebäuden und umliegender Infrastruktur entstehen, liegen schätzungsweise in Millionenhöhe, ähnlich sieht es im Bezug auf das erbeutete Bargeld aus. 19,5 Mio. Euro wurden laut Bundeskriminalamt 2021 aus Geldautomaten gestohlen, 2,4 Mio. Euro mehr als im Vorjahr.

Bestraft wird so ein „Diebstahl im besonders schweren Fall“ mit Freiheitsstrafen zwischen drei Monaten und zehn Jahren. „Das klingt viel, aber die Strafmaße werden nur selten bis ganz nach oben ausgeschöpft“, erklärt Neubacher. „Die Mindeststrafe ist eigentlich viel wichtiger.“ Banküberfälle hingegen würden in der Regel nicht mit weniger als drei Jahren Haft bestraft, weil oft Waffen im Spiel seien. Kämen diese zum Einsatz, läge die Mindeststrafe sogar bei fünf Jahren.

Neubacher glaubt nicht, dass schärfere Strafen einen Effekt haben würden. „Damit Strafrecht wirklich abschreckend wirkt, müssten die Täter vor der Tat abwägen und sich mit der Strafdrohung vertraut machen. Solche Überlegungen werden meistens nicht angestellt und wenn doch, vertrauen sie darauf, dass sie nicht erwischt werden.“ Lieber solle man in Prävention investieren und die Automaten besser schützen.

Werden Banken die Konsequenzen ziehen?

Die Polizei in NRW rät daher zum sogenannten Nachtverschluss: Die Vorräume von Bankfilialen sollten zwischen 23 Uhr und fünf Uhr unzugänglich gemacht und mechanisch gesichert werden. Für freistehende Automaten bleiben Geldentwertungssysteme. „Wir wissen natürlich, dass die Täter am Ende des Tages das Bargeld haben wollen“, sagt Boßbach. „Wenn es verklebt oder verfärbt ist, ist es fast unmöglich es in Umlauf zu bringen.“ Um besonders gefährdete Geldautomaten zu identifizieren, hat die Präventionsabteilung des LKA eine Risikokarte für NRW erstellt. Darauf sind alle der Polizei übermittelten Geldautomaten gelistet und bewertet, sodass die Kreditinstitute zu besseren Schutzmaßnahmen beraten werden können.

Schon seit einigen Jahren wird außerdem die Bevölkerung verstärkt in die Tätersuche einbezogen, indem Bilder von Überwachungskameras veröffentlicht werden. Handy-Videos können über ein Hinweisportal der Polizei hochgeladen werden.

Aber was, wenn das alles nicht hilft? 2022 wird die Zahl der bundesweiten Automatensprengungen wohl über 400 gelegen haben. Auf der anderen Seite geht der Trend langfristig weg vom Bargeld hin zum digitalen Bezahlen. Mit der Schließung weiterer Bankfilialen wurden auch die Angriffsziele für Bankräuber weiter reduziert. Beim LKA NRW hält man es durchaus für möglich, dass Geldautomaten das gleiche Schicksal ereilen könnte. Kriminologe Neubacher betrachtet die Sache nüchtern: „Wenn man die Zahlen nicht in den Griff bekommt, werden die Banken ihre Konsequenzen ziehen.“

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