WirtschaftsprüferIm Wirecard-Skandal gerät EY immer stärker ins Visier

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Vergangene Woche sah sich schließlich auch EY gezwungen, das Testat für den längst überfälligen Geschäftsbericht für das Jahr 2019 zu verweigern. Grund waren fehlende Nachweise für Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Mrd. Euro. Am Montagabend teilte Wirecard mit, dass die Bankguthaben „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen“.

Mitglieder der „Big Four“ in der Kritik

Seither fragen sich nicht nur geschockte Anleger, was die Prüfer von EY eigentlich all die Jahre bei Wirecard wirklich geprüft haben – sondern auch Finanzaufseher und Politiker. Erschwerend hinzu kommt, dass dies längst nicht der erste Skandal ist, in dem Wirtschaftsprüfer eine größere Rolle spielen.

Beim deutsch-südafrikanischen Möbelkonzern Steinhoff, der wegen frisierter Bilanzen 2017 knapp an der Pleite vorbeischrammte, stand der Wirtschaftsprüfer Deloitte scharf in der Kritik, ebenfalls in Südafrika hatte zur gleichen Zeit auch KPMG mit mehreren Skandalen zu kämpfen.

Gleichwohl genießen die vier großen Wirtschaftsprüfer – genannt auch „Big Four“, neben EY, Deloitte, KPMG noch PwC – immensen Einfluss in der Unternehmenswelt, da sie bei den großen börsennotierten Konzernen ein Oligopol unterhalten, die Prüfmandate oft über viele Jahre laufen, der Prüfer selten gewechselt wird und sich so leicht zweifelhafte Bilanzstrukturen und -praktiken einrichten können.

Auch EY machte in den vergangenen Monaten häufiger Schlagzeilen. Erst im April entschied ein britisches Gericht zugunsten des ehemaligen EY-Partners Amjad Rihan und verurteilte den Wirtschaftsprüfer zu Zahlungen von knapp 11 Mio. US-Dollar Schadensersatz.

Wirecard längst nicht das einzige Problem bei EY

Rihan war als Auditpartner in Dubai für den Goldhändler Kaloti verantwortlich. 2013 äußerte er den Verdacht, Kaloti sei an Geldwäsche beteiligt und importiere mit Silber überzogene Goldbarren. EY habe seinen Verdacht zurückgehalten und einen Bericht geändert, um die Aktivitäten von Kaloti zu verbergen, lautete Rihans Vorwurf. Der ehemalige Partner sah sich letztlich gezwungen, seinen Job zu kündigen. 2014 ging er mit seinen Enthüllungen an die Öffentlichkeit. Kaloti und EY streiten die Vorwürfe ab. EY kündigte nach der Urteilsverkündung an, in Berufung zu gehen.

Im Fall eines zweiten Klienten ermittelt die britische Bilanzbehörde, der Financial Report Council (FRC): Es geht um NMC Health, die größte Krankenhaus-Gruppe in den Vereinigten Arabischen Emiraten, gelistet allerdings an der Londoner Börse. Nach kritischen Berichten des britischen Hedgefonds Muddy Waters kündigte der FRC im Mai an, die Zahlenwerke von NMC für das Jahr 2018 zu untersuchen. Ende 2019 hatte Muddy Waters nicht nur die Richtigkeit der NMC-Bilanzen angezweifelt, sondern zugleich auf die enge Verbindung zwischen EY und der Krankenhausgruppe hingewiesen. Im Frühjahr korrigierte NMC seine Verschuldung schließlich von 2,1 Mrd. US-Dollar auf 6,6 Mrd. US-Dollar.

Nach eigenen Angaben habe die Gruppe bei internen Untersuchungen bislang verdeckte Schulden, Darlehen und Schecks gefunden, wie die Financial Times berichtete. EY hat dem FRC für die Untersuchung seine Kooperation zugesagt, weitere Kommentare lehnt man ab.

Spätestens in diesem Fall zeigt sich aber noch ein zusätzliches Problem mit den „Big Four“: Denn nicht nur die Konzerne, die sie kontrollieren sollen, arbeiten hochkomplex und sind für Außenstehende kaum mehr zu durchschauen – wie zuletzt eben im Fall Wirecard. Dasselbe gilt inzwischen für die Wirtschaftsprüfer selbst. Auch sie arbeiten heute in einem komplizierten Geflecht von Landesgesellschaften und aufgeteilten Zuständigkeiten – Strukturen, in denen man Pflichten und Verantwortlichkeiten leicht hin- und herschieben kann.


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