InterviewIfo-Ökonom Fuest zu Mietendeckel: „Das Problem wird nicht gelöst“

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Hinter diesem ganzen aufgeregten Streit über bezahlbare Wohnungen steht ja noch eine andere Diskussion: Es geht um Ungleichheit – während die Vermögenden in den letzten zehn Jahren massiv dazugewonnen haben, haben die, die wenig oder nichts haben, auch nichts dazugewonnen. Hat der Kapitalismus ein grundsätzliches Problem? 

Wir sollten nicht vergessen, dass die wirtschaftliche Ungleichheit und die Armut weltweit seit Jahrzehnten sinken. Das ist ein Erfolg des Kapitalismus. Aber in vielen Industrieländern, auch in Deutschland, nimmt die Ungleichheit zu. Bei den Immobilienpreisen kommt ein spezifisch deutsches Problem hinzu: Bei uns haben relativ wenige Menschen Immobilieneigentum – knapp 60 Prozent sind Mieter. Daher profitieren hier auch weniger Menschen von Wertzuwächsen am Immobilienmarkt. Die statistisch gemessene Vermögensungleichheit nimmt dadurch zu.

Aber nicht die tatsächliche? 

Doch, aber das Problem wird oft überzeichnet. Gesetzliche Rentenansprüche und Pensionen kommen in den Statistiken meistens nicht vor. Doch auch sie haben rasant an Wert gewonnen.

So stark sind die Renten nun auch wieder nicht gestiegen.

Aber ihr Wert. Rechnen Sie mal aus, wie viel Kapital Sie heute bräuchten, um bei den aktuellen Zinsen eine monatliche Rente von sagen wir 2000 Euro für zwanzig Jahre zu bekommen. Bei einer Verzinsung von 5 Prozent brauchten Sie vor 20 Jahren 300.000 Euro, heute sind es knapp 400.000 Euro. Diese Wertsteigerung wird in der Statistik nicht abgebildet.

Trotzdem habe ich ja weiterhin nur 2000 Euro Rente zum Leben. 

Das gilt genauso für viele Immobilienbesitzer. Nehmen wir einen Freiberufler, der für seine Altersvorsorge außerhalb der Ballungszentren ein Haus vermietet. Er hat kaum Mietsteigerungen, aber der Marktwert des Hauses ist durch den Zinsrückgang stark gestiegen. An seinem monatlichen Einkommen hat das nichts geändert. Ähnliches gilt für den Selbstnutzer. Das Haus, in dem er wohnt, mag heute doppelt so viel wert sein wie vor 15 Jahren. Aber solange er es nicht verkauft, hat er nichts davon – da freuen sich allenfalls die Erben irgendwann.

Dennoch sind die Zahlen ja gewaltig: 3000 Mrd. Euro Wertzuwachs allein für die Immobilienbesitzer seit dem Jahr 2010, hat der Bonner Ökonom Moritz Schularick ausgerechnet.

Wer im eigenen Haus lebt, hat von diesen Wertsteigerungen wenig. Nur wenn man das Haus verkauft und aufs Land zieht kann man diese Gewinne realisieren. Aber wer macht das? Wenn man ausrechnen würde, um wie viel der Wert der Renten und Pensionen in den letzten Jahren gestiegen ist, käme auch eine astronomische Wert heraus. All das bedeutet wenig. Wichtiger sind die Mietsteigerungen in den Ballungsräumen. Sie kommen den Immobilieneigentümern zu Gute und stellen vor allem Haushalte mit niedrigen Einkommen vor große Probleme. Richtig ist außerdem, dass Inhaber von Immobilien und Aktien bei fallenden Zinsen deutlich besser dastehen als andere, die ihr Geld auf Sparbuch legen. Aber das ist ja seit langem bekannt.