Geldanlage10 Risiken und Lösungen für Anleger

Ein Aktienhändler an der Wall Street
Händler im Stress: Anfang Juli legten technische Probleme den Handel an der New Yorker Börse für vier Stunden lahm – Foto: Getty Images

Vermutlich lässt sich keine Zeitenwende an den Kapitalmärkten so präzise terminieren wie diese: Am 21. April um 16.17 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit teilte der US-Anleiheguru Bill Gross über den Kurznachrichtendienst Twitter seines Arbeitgebers Janus Capital mit, Bundesanleihen seien „a short of a lifetime“ – also eine Spekulation auf fallende Kurse und steigende Zinsen, wie sie sich nur einmal im Leben böte. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen damals: 0,08 Prozent. Die Rendite zwei Monate später: 1,1 Prozent.

Gross hat den Wendepunkt richtig erkannt. In atemberaubendem Tempo vollziehen sich seither Kursveränderungen an den Finanzmärkten – und zwar weltweit. Der Zinsanstieg war der rascheste seit einem Vierteljahrhundert in Deutschland. In China sind derweil die Aktienmärkte außer Kontrolle geraten: Seit Anfang Juni brachen die Kurse an den Börsen in Shenzhen und Shanghai ein, nach einem Plus von 175 Prozent binnen eines Jahres. Die irrlichternden Verhandlungen um die Zukunft Griechenlands führten zu Kapitalverkehrskontrollen in Europa. Griechische Bürger konnten wochenlang nur noch Kleinstbeträge abheben. Auch nach der Einigung mit den Gläubigern, Verhandlungen über ein drittes Hilfspaket aufzunehmen, bleibt die Unsicherheit: Die Griechen wählen bald ein neues Parlament.

Viele Skeptiker fühlen sich in ihrem Urteil bestätigt: dass etwas furchtbar schiefläuft „da draußen“ an den Finanzmärkten. Dass wir eine Quittung kassieren für Ultraniedrigzinsen, Anleiheaufkäufe, Chinas irres Wachstum und ein seit sechs Jahren aufgeschobenes Griechenland-Problem. Die Quittung für den längsten Bullenmarkt, den die USA je erlebt hat, für aberwitzige Bewertungen von Technologieaktien, die an die letzten Wochen vor dem Platzen der Dotcom-Blase erinnern. Für diese Skeptiker ist es nur eine Frage der Zeit, dass es bald mächtig kracht an den Märkten.

Doch ist die Lage wirklich so brandgefährlich? Wie sicher ist unser Geld noch? Welche Entwicklungen sind relevant, welche zu vernachlässigen? Und was sollten Anleger tun, um Turbulenzen möglichst unbeschadet zu überstehen? Capital analysiert die wichtigsten Bedrohungen und erklärt, was Anleger tun müssen – und was sie lieber sein lassen sollten. 

Risiko Nr. 1 – Chinas Blase? Chinas Chance

Seit Juni haben chinesische Festlandaktien in Shanghai und Shenzhen gut 20 Prozent ihres Wertes verloren – nachdem sich die Kurse zuvor binnen eines Jahres verdoppelt hatten. Den Boom habe Chinas Regierung selbst angeheizt, indem sie Aktienkäufe auf vielerlei Weise erleichtert habe, sagt Baader-Bank-Stratege Robert Halver. Eine florierende Börse, so das Kalkül, sollte zum einen den Konsum steigern helfen und zum anderen das Eigenkapital der Unternehmen stärken. Die Verschuldung chinesischer Firmen beläuft sich auf 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dass die Börse trotz Interventionen ins Rutschen geriet, ist für die Pekinger Führung dramatisch: Die beabsichtigten Wohlstands- und Konsumeffekte über steigende Kurse könnten sich nunmehr umkehren – mit negativen Folgen für Wirtschaft und Märkte.

Don’t: Teile des chinesischen Aktienmarkts – etwa Blue Chips in Hongkong und Shanghai – weisen inzwischen wieder günstige Bewertungen auf. In dem politisch getriebenen Markt gilt jedoch die Devise: Nicht mitzocken! Gefährdet sind auch Aktien und Anleihen der exportlastigen europäischen Auto- und Industriekonzerne sowie Papiere von Rohstoffunternehmen. Sie sollte man so lange meiden, bis sich die Lage beruhigt hat.

Do: Chinesische Aktien und Anleihen gehören in jedes diversifizierte Portfolio langfristig orientierter Anleger – nicht zuletzt weil China alles daransetzt, den Yuan zu einer voll konvertiblen Währung mit Aufwertungspotenzial zu machen. Für Geduldige sind Standardwerte und Yuan-Bonds ein Kauf.

Risiko-Faktor: hoch

Risiko Nr. 2 – Biotech: Mehr Party als 1999

Das Platzen der Biotech-Blase zur Jahrtausendwende? Scheint vergessen. Gegenüber dem damaligen Höchststand haben sich die Kurse gemessen am Amex Biotech Index versechsfacht. Die Gewinndynamik hat nicht Schritt gehalten, das Verhältnis des Börsenwerts von US-Biotech-Konzernen zu deren Nettogewinn beträgt rund 150 – bei Gewinnen, die allenfalls um 25 Prozent pro Jahr wachsen dürften.

Don’t: Reiten Sie nicht die Spekulationswelle, die 2014 mit 82 IPOs mehr Neuemissionen hervorbrachte als das letzte Boomjahr. Immerhin: Von der Branche geht keine Gefahr für den Gesamtmarkt aus.

Do:  Setzen Sie etwa über den Indexfonds Stoxx Health Care auf große Pharmawerte wie Roche, Sanofi oder GlaxoSmithKline. Die Unternehmen sind historisch günstig bewertet und bringen mindestens drei Prozent Dividendenrendite.

Risiko-Faktor: gering