FinanzevolutionICOs - Crowdfunding auf Speed

Darstellung von Bitcoin-Münzen
ICOs sind eine noch junge Form der Unternehmensfinanzierung, bei der die Investoren Ansprüche in Form von digitalen Münzen erwerben

Die Drähte der Finanzwelt glühen derzeit vor lauter Innovationsaktivitäten. Eine noch junge Adaption der Unternehmensfinanzierung sind die aus „Kryptowährungen“ und Crowdfunding abgeleiteten Token-Verkäufe , oft „Initial Coin Offering“ (ICO) genannt. Diese ICOs, deren Bezeichnung an den englischen Begriff für Börsengang „Initial Public Offering“ (= IPO) angelehnt ist, elektrisieren derzeit sowohl die Anleger als auch die Finanzbranche.

Ein einheitliches Verständnis von ICOs gibt es noch nicht und kann es vielleicht auch nicht geben. Dahinter stehen nämlich ganz unterschiedliche Konzepte, die noch weit weg von bekannten Standards für Bankprodukte sind. Ich verstehe unter einem ICO einen auf kryptografischen Protokollen basierenden Erstverkauf von Ansprüchen auf Verfügungsrechte. Diese Ansprüche werden über einen digitalen Token (digitale Münzen = Coin) in einer weiterentwickelten Blockchain dokumentiert. Die Blockchain selbst ist ebenfalls noch eine junge Technologie, mit der sich Werte manipulationssicher ohne zentrale Vertrauenspartei dokumentieren und übertragen lassen.

Lässt man den neuen Begriffszoo weg, dann erwerben die Käufer bei einem ICO digitale Kupons statt Unternehmensanteile mit Ansprüchen auf Dividenden und Stimmrechten. Diese Kupons können mit ganz unterschiedlichen Rechten ausgestattet sein, wie wir gleich an Beispielen sehen werden.

ICO-Hype schwappt nach Deutschland

Der Markt ist innerhalb kürzester Zeit stark gewachsen. Dienste, die wie das Volumen erheben, verzeichneten 2016 weltweit 46 ICOs mit einem Volumen von fast 100 Mio. US-Dollar. 2017 haben sich bisher 203 Unternehmen über ICOs mehr als 3,3 Mrd. US-Dollar von Investoren geholt. Das bisher größte Volumen weist Filecoin mit einem Verkaufserlös von 257 Mio. US-Dollar auf. Das Start-up bietet Nutzern einen dezentralen Cloudspeicher, der mit Filecoins bezahlt werden kann (Details siehe „t3n“).

Der Hype ist mittlerweile nach Deutschland geschwappt. Mehrere Unternehmen bereiten ein ICO vor oder denken zumindest darüber nach, wie ich am Rande der Fintech Week in Hamburg hörte. Das „Handelsblatt“ nannte die Unternehmen Wysker, Cloudeo, Bitwala, Neufund, Crowdstart und Naga. Mit der Shopping-App von Wysker sollen Kunden „Wys-Token“ auf verschiedene Arten verdienen und ausgegeben können. So können Kunden laut dem Fachmagzin „t3n“ durch Produktbewertungen oder für die Angabe ihrer Shopping-Interessen Token erwerben. Diese Tokens können anschließend für Verkäufe und Rabatte verwendet werden.

Gegen ICOs sehen die als bisher für modern gehaltenen digitale Finanzierungsverfahren wie Peer-to-Peer-Lending (über Internetplattformen vermittelte Kredite) oder Crowdinvesting antiquiert aus, denn in der Theorie werden ICOs über Blockchain-Protokolle hoch automatisiert und technisch abgesichert abgewickelt. Der Researchspezialist Peter Barkow, bezeichnete ICOs in einem Gespräch als „Crowdfunding auf Steroid“. Während Investoren in Crowdfundings ihre Anteile später entweder gar nicht oder unter erschwerten Umständen weiterverkaufen können, sind ICOs so angelegt, dass die „Coins“ auf speziellen Marktplätzen über das Internet getauscht werden können.