Interview„Ich war erstaunt, wie genau Uğurs Prognosen waren“

Uğur Şahin und Özlem Türeci bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät der Uni Köln
Uğur Şahin und Özlem Türeci bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät der Uni Köln


Joe Miller ist Korrespondent der Financial Times in Frankfurt. Zuvor arbeitete er bei der BBC in London sowie als Korrespondent in New York, Berlin und Neu-Delhi. Zusammen mit Uğur Şahin und Özlem Türeci hat er das Buch „Projekt Lightspeed. Der Weg zum Biontech-Impfstoff – und zu einer Medizin von morgen“ geschrieben, das am 14. September im Rowohlt Buchverlag erschienen ist.


Capital: Herr Miller, wie war es, während der Pandemie zu recherchieren und mit den beiden Biontech-Gründern Kontakt zu halten?

JOE MILLER: Das war sicherlich eine Herausforderung. Uğur und Özlem waren mit der Rettung der Welt beschäftigt, und ich fühlte mich schuldig, sie um ihre Zeit zu bitten. Aber sie waren sehr großherzig und haben Dutzende von Stunden mit mir verbracht – meistens über Zoom – und mir geduldig alles erklärt, von der mRNA bis zu ihren ungewöhnlichen Reisegewohnheiten. Uğur nimmt zum Beispiel immer zwei Computerbildschirme mit in den Urlaub, damit er arbeiten kann.

Wie oft konnten Sie sich persönlich sehen?

Wir haben uns nur ein paar Mal persönlich getroffen, aufgrund von Pandemie-Einschränkungen. Aber wenn wir uns trafen, konnte ich sehen, wie die beiden miteinander sind und arbeiten. Ich bin sicher, dass wir ohne ihre zufällige Begegnung in einem saarländischen Krankenhaus in den 1990er-Jahren den Impfstoff wohl kaum im Jahr 2020 gehabt hätten.

Was hat Sie am meisten erstaunt?

Ich war erstaunt, wie deutlich Uğur eine Pandemie im Januar 2020 kommen sah und wie genau seine Prognosen waren. Anfangs war ich besorgt, dass die Leser denken könnten, ich hätte mir die Geschichte ausgedacht, weil sie wie eine Prophezeiung wirkt. Aber ich habe die Beweise, und Uğur hat wirklich vorausgesehen, wie sich das Virus verbreiten würde. Er war allen voraus – den politischen Entscheidungsträgern, den Regulierungsbehörden und Big Pharma – und das ist auch gut so. Ende Januar, noch bevor irgendjemand von ihnen den Ausbruch von Covid-19 ernst nahm, hatte Ugur bereits acht potenzielle Impfstoffe entwickelt und ein Team zusammengestellt, das an deren Entwicklung und Erprobung arbeiten sollte.

Und was hat Sie am meisten beeindruckt?

Am meisten beeindruckt hat mich der Einfallsreichtum des Lightspeed-Teams. Sie hatten noch nie zuvor ein zugelassenes Medikament entwickelt, geschweige denn einen Impfstoff gegen eine Infektionskrankheit in Rekordzeit. Dennoch übertrafen sie sogar die größten und erfahrensten Impfstoffhersteller der Welt. Die Geschichte, wie es dem Wissenschaftler Alex Muik gelang, einen Test durchzuführen, um festzustellen, ob die Impfstoffkandidaten funktionierten, obwohl Biontech nicht über die entsprechenden Einrichtungen verfügte, ist nur ein Beispiel dafür. Er verließ sich auf eine Technik, die er Jahre zuvor als Student gelernt hatte, und verkürzte den Prozess um Wochen. Das zeigt, dass es vor allem auf Talent und Tatkraft ankommt.

Können Sie drei Gründe nennen, warum Biontech das Rennen um den Impfstoff gewonnen hat?

„Projekt Lightspeed. Der Weg zum Biontech-Impfstoff – und zu einer Medizin von morgen“ ist am 14. September im Rowohlt Buchverlag erschienen. 352 Seiten, Preis: 22 Euro, Cover: Rowohlt

Erstens, weil Biontech ein flexibles Unternehmen ist. Es hat keine dogmatischen Überzeugungen, sondern ist offen für alle Technologien und Methoden. Das Lightspeed-Team war gerne bereit, auf externes Fachwissen zurückzugreifen, sei es von dem Virologen Barney Graham von den National Institutes of Health in den USA oder von Acuitas, einem kanadischen Unternehmen, das Lipidhüllen herstellt. Während andere Pharmaunternehmen starr an ihren patentrechtlich geschützten Erfindungen festhielten, suchte Biontech nach dem, was am besten und am schnellsten funktionieren würde.

Zweitens, weil sie nicht versucht haben, alles allein zu machen. Obwohl Uğur und Özlem in der Vergangenheit von Big Pharma enttäuscht worden waren, erkannten sie, dass sie einen großen multinationalen Konzern brauchten, um enorme klinische Studien durchzuführen und einen Impfstoff in die ganze Welt zu liefern. Die Zusammenarbeit mit Pfizer wurde schließlich zur erfolgreichsten in der Geschichte der kommerziellen Medizin.

Drittens, weil sie mehrere Pferde ins Rennen geschickt haben. Die meisten anderen Impfstoffhersteller haben sich für einen Kandidaten für klinische Versuche entschieden. Biontech wählte vier, was den Prozess sehr kompliziert machte. Aber es ermöglichte dem Lightspeed-Team, die verschiedenen Impfstoffe bis Ende Juli am Menschen zu beobachten und dann eine endgültige Entscheidung darüber zu treffen, welcher Impfstoff in die Endphase der Studie aufgenommen werden sollte. Diese zusätzlichen Informationen haben den Unterschied ausgemacht und sind wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass der gewählte Impfstoff immer noch recht wirksam gegen neue Varianten ist.

Welche Perspektiven hat das Unternehmen – wird Biontech das Amazon der Biotech-Industrie?

Biontech hat viele Technologien in seinem Arsenal, nicht nur mRNA. Der Erfolg seines Impfstoffs Covid-19 hat dem Unternehmen die Mittel verschafft, viele seiner bestehenden Programme zu beschleunigen, und es hat eine mRNA-Plattform validiert. Kurzfristig sind Impfstoffe gegen andere Infektionskrankheiten eine echte Möglichkeit. Mittelfristig könnten auch revolutionäre Krebstherapien – eine weitaus schwierigere Aufgabe – aus Mainz kommen. Langfristig könnten die Erfindungen der Wissenschaftler und ihres Teams sogar Krankheiten wie Multiple Sklerose heilen und – in ferner Zukunft – den Alterungsprozess verlangsamen.

 


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