KommentarIch liebe mein Büro - trotz der Mäuse

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Coole Möbel, mehr Produktivität?

Sieht so die neue Arbeitswelt aus? Obwohl ich die infantilen Primärfarben und die Anordnung zum Spaßhaben verabscheue, kann ich nicht verhehlen, dass diese neuen Büros netter aussehen als meines. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wie sich die Gestaltung des Büros auf die Arbeit auswirkt.

Fitnessstudios und gutes Essen gibt es auch außerhalb des Büros. Und es ist sicherlich keine große Bereicherung, wenn es sie auch im Büro gibt. Und mir fällt es schwer zu glauben, dass coolere Möbel eine höhere Produktivität bewirken.

Zuhause schätze ich Design. Gerade habe ich mir einen Lampenschirm gekauft, der so teuer ist, dass ich die Anschaffung vor mir selbst damit rechtfertige, dass es sich um Kunst handelt. Aber sobald ich ins Büro komme, interessiere ich mich nicht mehr für den Style der Lampen. Es ist mir egal. Nichts, was im Büro ist, gehört mir. Ich bin nicht verantwortlich dafür – das fühlt sich für mich wie eine Befreiung an.

Etwas läuft ganz gehörig falsch

Es gibt jedoch eine Sache, auf die ich neidisch bin. Die spektakulären Ausblicke mancher Büros über London. Den ganzen Tag über die Dächer der Stadt zu schauen muss toll sein. Aber ich frage mich auch hier: Wie würde sich das auf meine Arbeit auswirken? Mein Großraumbüro hat vier Außenwände. Drei Seiten bieten trostlose Ausblicke. Von einer Seite aus blickt man über die Themse nach St. Paul’s. Die Kollegen mit Flussblick scheinen mir weder produktiver noch glücklicher zu sein. Der Blick ist ein Privileg, und wahrscheinlich gibt es einen kleinen Motivationsschub, wenn man ihn genießen darf. Aber wenn man jemandem das Privileg wieder nimmt, dann bricht die Hölle los.

Trotz der großartigen Ausblicke und des stylischen Designs, ich würde mein Büro nicht tauschen wollen, mit denen, die ich besucht habe. In eigentlich allen Büros lief eine Sache ganz gehörig falsch: zu viele Schreibtische waren leer.

Die Ironie der modernen Arbeitswelt

Das ist die Ironie der modernen Arbeitswelt. Gerade als Architekten und Designer verstanden haben, attraktivere Büros zu bauen, beginnen die Menschen von zu Hause aus zu arbeiten.

Das einzige Büro, das ich besucht habe, und das gut gefüllt war, war das in einer Firma, in der Home Office verpönt ist. Und jeder Mitarbeiter seinen eigenen Schreibtisch hat.

Bei all den anderen war Flexibles Arbeiten erwünscht und es gab freie, wechselnde Arbeitsplätze. Jemand, der hier ins Büro kommt, kann nicht erwarten, mehr als die Hälfte des Teams anzutreffen. Vielleicht ist er auch ganz allein.

Was nützt da ein schnittiges Design? Wo bleibt der Spaß im Büro, wenn man nicht jeden Tag die gleichen Leute im Büro sieht und sagen kann: War ‚Homeland‘ gestern Abend nicht wieder brillant?

Copyright The Financial Times Limited 2015