Jockey ClubHongkongs Wettkönige

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Wer etwas zählt, ist Mitglied im Networking-Himmel

Mitglieder erhalten nicht nur Zugang zu den Members-only-Logen an der Rennstrecke, sondern auch zu den Clubhäusern: weitläufigen Oasen mit Pools, gepflegten Gärten, luxuriösen Bars und Spitzenrestaurants. Ein Networking-Himmel.

„Ich kenne viele Leute, die ihren rechten Arm dafür geben würden, Mitglied im Club zu sein“, sagt Allan Zeman. Der 68-Jährige wurde als Sohn einer jüdischen Familie in Regensburg geboren und hat seit den 70er-Jahren ein Immobilienimperium in Fernost aufgebaut. Jahrelang zählte er zu den berühmtesten Rennpferdebesitzern der Stadt. Noch heute, da er etwas kürzertritt, besucht er ab und an die Clubhäuser – „zum Schwimmen, aber auch, weil ich seit einigen Jahren hier immer mehr einflussreiche Geschäftsleute vom Festland treffe, die ich noch nicht kenne“. Nicht von ungefähr betreibt der Club heute in Peking, Chinas Machtzentrum, eine Dependance. Eher gesagt: einen Palast. Eigenwerbung: „Das beste Clubhaus Asiens“.

Engelbrecht-Bresges betritt den Balkon einer VIP-Lounge. Hier oben ist der Trubel gedämpft. Er lässt den Blick über die Rennbahn schweifen. Unten auf den Stehplätzen herrscht bierselige Ballermann-Stimmung. Das ist der zweite Teil der Strategie, mit der er den Club florieren lassen will: „Happy Wednesday“ statt stiff upper lip.

Wie es auch im internationalen Fußball geschieht, hat Engelbrecht-Bresges um den Sport herum ein Spektakel inszeniert, das junge Leute anzieht. Der „Happy Wednesday“ etwa ist eine einzige Party mit wechselnden Themen. Im Herbst lautet das Motto „Oktoberfest“, dann fließt das Bier in Strömen, während bekannte Bands auftreten. Auch Vergnügungslustige, die mit Pferden nichts am Hut haben, kommen so zu den mehr als 700 Rennen im Jahr. Das ist wichtig, um im Wettbewerb mit dem angesagten Macau mithalten zu können, Chinas Party- und Spielerparadies, das mit der Fähre nur eine Stunde von Hongkong entfernt liegt.

Ironie der Geschichte – und Sinnbild dafür, wie sich die Welt verändert: Während früher die Club-Elite Englisch sprach und das Fußvolk Chinesisch, ist es heute tendenziell umgekehrt. Unten auf den günstigen Plätzen tummeln sich westliche Touristen und Expats. Oben in den teuren Logen sieht man vor allem Chinesen. Einige Schwerreiche verwetten im Laufe eines Abends umgerechnet mehr als 50 000 Euro auf die Pferde, ohne das Personal damit in Aufregung zu versetzen.

Früher sprach das Fußvolk Chinesisch, heute die Elite

Die Einsätze liegen umgerechnet bei rund 130 Mio. Euro – pro Rennabend. Davon gibt es in manchen Wochen bis zu vier. Insgesamt 12 Mrd. Euro werden im Jahr gesetzt – doppelt so viel, wie die Deutschen für Sportwetten aller Art ausgeben. Nach Auszahlung der Gewinne bleiben rund 2 Mrd. Euro übrig. Und das sind nur die Pferdewetten. Darüber hinaus hält der Jockey Club auch das Monopol auf Fußballwetten und die Hongkonger Lotterie, was den Umsatz noch einmal verdoppelt. Hinzu kommen Eintrittsgelder, Mitgliedsbeiträge, Champagnerrechnungen.

Kein Wunder, dass Hongkongs Politiker ihre wichtigste Cashcow gar nicht eng genug an die Brust pressen können. Die Verflechtungen zwischen Club und Regierung sind so bekannt wie umstritten. Als der wegen eines Amtsvergehens verurteilte Ex-Regierungschef Donald Tsang Yam Kuen im April aus dem Gefängnis entlassen wurde, führte ihn sein erster Weg vom Knast ins Clubhaus. Die Fotos in den Zeitungen waren dem Club ein bisschen peinlich.

Engelbrecht-Bresges weist darauf hin, dass Funktionäre von ihren Club-Ämtern zurücktreten müssen, wenn sie Regierungsjobs annehmen. Was er nur in einem Nebensatz fallen lässt: Die neue Regierungschefin Carrie Lam, seit Sommer im Amt, kennt er seit einem Jahrzehnt. Neulich hat er sie besucht. „Wenn sich die beiden treffen, ist nicht ganz klar, wer da wem die Aufwartung macht“, echauffiert sich Fernando Cheung, Vizechef der oppositionellen Labour Party: „Der einflussreiche Chef des Jockey Clubs der Regierungschefin – oder doch umgekehrt?“