Jockey ClubHongkongs Wettkönige

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Es war klar, dass sich auch für den Jockey Club einiges ändern würde, als für die Stadt eine neue Zeit anbrach. 1997 gab Großbritannien die gepachtete Kronkolonie vertragsgemäß an China zurück. Im Jahr zuvor hatte sich der Club noch eilfertig des Beiworts „Royal“ im eigenen Namen entledigt – wohl um den neuen Machthabern keine zusätzliche Angriffsfläche zu bieten, denn in der Volksrepublik sind Pferdewetten unter Androhung drakonischer Strafen verboten.

Große Teile der Stadtbevölkerung sahen die Rückkehr zum Mutterland skeptisch, auch wenn Peking noch so oft die Formel „ein Land, zwei Systeme“ bemühte. Den richtigen Ton traf erst Deng Xiaoping, damals noch die graue Eminenz der Kommunistischen Partei. Wohl wissend, welches Symbol die Hongkonger beruhigen würde, wählte er die Worte: „Die Pferde werden weiter rennen.“

Trotzdem zeigten die neuen Machtverhältnisse ihre Wirkung. Mit dem Abzug der Briten drohten auch deren Traditionen zu verschwinden. Die Rennen waren sportliches Mittelmaß, Pferdewetten kamen aus der Mode, in den Wettbüros sah man vor allem Rentner. Hinzu kam die Asienkrise: Investmentbanken bauten Kapazitäten in Hongkong ab, selbst die bislang so zahlungskräftigen Banker der Finanzmetropole hielten ihr Geld beisammen. Deutlich zeichnete sich ab: Um den Jockey Club aus der Misere zu holen, brauchte es frischen Wind.

Der CEO des Hong Kong Jockey Clubs (M.) scheut Fotografen. Nur ganz selten lässt er sich zu einem Selfie überreden (Foto: Pierfrancesco Celada)

Aufs Pferd kam Winfried Engelbrecht-Bresges durch die Liebe. Beim BWL-Studium in Köln lernte er seine spätere Frau kennen, deren Familie das Gestüt Zoppenbroich in Mönchengladbach gehörte. So fand er in die Szene. Er wurde Chef des Reitvereins Neuss, rückte später als Geschäftsführer in den Vorstand eines Dachverbands auf, des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen.

1998 rief ein Headhunter an: Ob Engelbrecht-Bresges sich etwas Neues vorstellen könne – in Hongkong? „Ich war damals schon international gut verdrahtet, das sprach wohl für mich“, erinnert er sich. Er schlug ein. Erst wurde er sportlicher Leiter, Anfang 2007 dann CEO. „EB“ nennen die Hongkonger ihn knapp, weil sie seinen deutschen Doppelnamen unmöglich über die Lippen bringen können. Sein zweiter Spitzname ist 7-Eleven, nach den rund um die Uhr geöffneten Convenience-Stores.

Oft hat Engelbrecht-Bresges schon eine Stunde auf dem Heimtrainer und ein Frühstücksmeeting hinter sich, wenn er um 8.30 Uhr sein Büro betritt. Auch mittags und abends ist er meist zu Geschäftsessen verabredet, nach Mitternacht sitzt er noch zwei Stunden am Rechner und feuert E-Mails ab. Er sagt, dass ihm vier bis fünf Stunden Schlaf ausreichen. Arbeit, Arbeit, Arbeit, alles im Dienst seiner Mission: die Rennen wieder zu einem Ereignis machen, ein neues Publikum ansprechen. Seine erste Ehe überstand das nicht, heute ist er mit einer Chinesin verheiratet.

Das Interview mit ihm bereiten seine Referenten vor wie einen Staatsbesuch. Die Vorgespräche ziehen sich über Tage. Pressesprecher beugen sich über Fragen, die vorab eingereicht werden müssen – um dann humorlos vorzuschlagen, die Hälfte zu streichen. Wer Engelbrecht-Bresges’ Büro in der 16-stöckigen Zentrale des Clubs betreten will, muss einen Pass vor die Sensoren der Eingangsschleusen halten, die zudem von Sicherheitsteams bewacht werden. Schließlich geht es im Aufzug nach oben. Natürlich in Begleitung.

Der Chef selbst wirkt dann wie das personifizierte Kontrastprogramm zu seinem Umfeld: betont locker. „Prince Charming von Hongkong“ hat die Presse ihn getauft. Als seine Bürochefin ihm die Mappe mit den vorbereiteten Antworten auf den Tisch legt, raunt er augenzwinkernd: „Am besten, wir wechseln ins Deutsche, dann versteht sie uns nicht.“ Jedem das warme Gefühl geben, willkommen und etwas Besonderes zu sein – als Rheinländer kann er das.