Jockey ClubHongkongs Wettkönige

Pferderennen im Happy Valley: Die Einsätze liegen umgerechnet bei rund 130 Mio. Euro – pro RennabendPierfrancesco Celada

Mitten durch die Hitze und Aufregung, vorbei an fluchenden und jubelnden Chinesen, umgeben von wahr gewordenen und geplatzten Träumen, über Konfetti aus zerrissenen Wettscheinen schlendert ein tiefenentspannter blonder Mann in einem hellblauen Anzug. Diskret nickt er einem stadtbekannten Millionär zu, plaudert mit ein paar Jugendlichen neben der Rennbahn. Alle paar Meter hält ihm jemand einen Zettel unter die Nase, dann nimmt der Deutsche einen Stift und kringelt den Namen eines Pferdes ein. Winfried Engelbrecht-Bresges ist in seinem Element.

Der 62-Jährige weiß so viel über Reiter und Tiere, dass er an diesem Abend ein Vermögen gewinnen könnte, würde er selber wetten. Darf er aber nicht – er ist hier der Chef. Der gebürtige Rheinländer hat den Hong Kong Jockey Club aus dem Tal der Bedeutungslosigkeit an die Weltspitze des Pferderennsports geführt.

Kein alltägliches Unterfangen, kein gewöhnliches Unternehmen: Der Hong Kong Jockey Club beschäftigt 20.000 Arbeitnehmer und beherrscht einen Milliardenmarkt. Er genießt ein staatliches Monopol, ist Rennveranstalter und Wettanbieter in einem – das ist in etwa so, als würde bei jeder Wette auf Bundesligaspiele der Deutsche Fußball-Bund die Hand aufhalten. Ein außergewöhnlich lukratives Geschäft: Allein die Wetteinsätze liegen bei 12 Mrd. Euro pro Jahr. Auf der ganzen Welt bewegt kein Sportclub mehr Geld.

Und in ganz Hongkong gibt es keinen größeren Steuerzahler. Bei 70 Prozent liegt hier der Steuersatz auf Pferdewetten. Was nach Steuern, Investitionen und Betriebsausgaben übrig bleibt, fließt sämtlich in soziale Projekte, in Schulen, Krankenhäuser, Kunst und Kultur, so will es die Tradition. Addiert man alles, gehört der Club zu den zehn größten Wohltätigkeitsorganisationen der Welt.

Trotzdem ist der Jockey Club mehr als nur der „Geldautomat der Regierung“, wie ihn die Hongkonger halb spöttelnd, halb ehrfürchtig nennen. Er ist, wie der Name sagt, auch ein Club – und zwar einer der einflussreichsten in ganz Asien. Hier netzwerken die Reichen, Berühmten und Mächtigen des neuen China. Und ausgerechnet ein Deutscher ist ihr Gastgeber.

Flutlicht taucht den Racetrack in grellgrünes Licht

Über den Wolkenkratzern der 7,4-Millionen-Metropole liegt schwarze Nacht, doch Flutlicht taucht den Racetrack im Happy­Valley in grellgrünes Licht. Es sieht aus, als hätte jemand einen Instagram-Filter über Hongkong gelegt. Trotz der fortgeschrittenen Stunde ist es tropisch heiß. Auf den Hemden der „Gweilo“, der weißen Ausländer, bilden sich feuchte Flecken.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, fangen alle an zu schreien. „Go! Go! Gooooo!“ Sekunden später preschen die Rennpferde über die Gerade vor der Zuschauertribüne. Belgische Banker mit Krawatte, angetrunkene australische Austauschstudenten, adrette chinesische Rentner, alle feuern frenetisch ihre Favoriten an. Pferderennen sind Volkssport in Hongkong, das Fernsehen zeigt sie live, am nächsten Tag berichten alle Zeitungen der Stadt auf mehreren Seiten über die Ergebnisse. „An der Rennbahn zu sein bedeutet, Hongkong unter einem Brennglas zu sehen“, sagt Engelbrecht-Bresges. „So wie die Stadt ist auch der Pferdesport: schnell, eng, ehrgeizig.“

55 000 Menschen bietet der Happy Valley Racecourse Platz: Unten sitzt das Fußvolk, in den Logen die Elite (Foto: Pierfrancesco Celada)

Der Clubchef empfängt Besucher in einem Konferenzraum, dessen edler Holztisch so lang ist, dass auch die Ritter der Tafelrunde hier ihre Jahreshauptversammlung abhalten könnten. An der Wand hängen die Porträts seiner Vorgänger. Viele europäische Gesichter, wenige Chinesen. Die Geschichte des Pferdesports in Hongkong ist auch eine Geschichte des Kolonialismus.

1884, einige Jahrzehnte nach Gründung der Kronkolonie, begannen die Briten damit, in einem trockengelegten Sumpfgebiet Pferderennen zu veranstalten. Im treffend benannten Happy Valley blieb die weiße Oberschicht unter sich, Chinesen hatten zunächst keinen Zutritt. Besuchte ein Mitglied der britischen Königsfamilie das Territorium, gehörte eine Stippvisite der Rennbahn stets zum Programm. Im Museum des Jockey Clubs hängt heute ein Foto der jungen Queen Elizabeth II. neben einem ausgestopften Hengst.