KolumneHoffnung für die Deutsche Bank

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Der Aktienkurs der Deutschen Bank zeigt in den letzten zwei Monaten Anzeichen für das, was Börsianer in ihrer sonderbaren Sprache Bodenbildung nennen. Sehr viel tiefer als 14/15 Euro dürften die Aktien kaum noch fallen. Für die Eigentümer des größten deutschen Kreditinstituts ist das natürlich nur ein geringer Trost. Schließlich haben die Papiere innerhalb eines Jahres mehr als die Hälfte ihres Werts verloren. Wichtiger als die sogenannte Charttechnik aber ist die reale Lage der Deutschen Bank. Lange Zeit kamen nur schlechte Nachrichten aus den Doppeltürmen an der Taunusanlage in Frankfurt. Doch damit könnte in diesem Jahr endlich Schluss sein. Zum ersten Mal darf man wieder die Frage stellen, ob eine Trendwende kommt, ohne sich als hoffnungsloser Optimist zu outen.

Was spricht für die Deutsche Bank? Der große Kirch-Prozess endet, wenn nicht alle Vorzeichen trügen, mit einem Freispruch für den scheidenden Co-Chef Jürgen Fitschen. Man darf diese Nachricht nicht unterschätzen: Das Selbstbewusstsein des Kreditinstituts hat in den letzten Jahren sehr unter diesem Verfahren gelitten. Und auch andere Rechtsstreitigkeiten, die bis heute schon viele Milliarden Euro an Verlusten gebracht haben, nähern sich offenbar ihrem Ende. Selbst der jüngste und vielleicht peinlichste Fall überhaupt, das Verfahren wegen Geldwäsche in Russland, nähert sich möglicherweise noch in diesem Jahr einer Lösung.

Genauso wichtig: Die Maßnahmen zur Kostenkontrolle, die Bankchef John Cryan vorantreibt, beginnen langsam zu wirken. Man kann dem neuen Mann vieles vorwerfen – zum Beispiel mangelnde Visionen, schlechte Kommunikation. Aber Cryan kniet sich persönlich in die Details des Umbaus hinein. Zum ersten Mal seit 15 Jahren besteht deshalb wirklich Hoffnung auf eine nachhaltige Senkung der so lebenswichtigen Aufwand-Ertrag-Relation. Seine Vorgänger hatten zwar auch darüber geredet, sich aber nie selbst tiefergehend darum gekümmert.

Die Bank hat ihren Tiefpunkt gesehen

Auf der Ertragsseite liefert die Deutsche Bank in vielen Bereichen immer noch sehr gute Zahlen ab. In den letzten Jahren überdeckten die Sonderverluste diese Stärke des Kreditinstituts. Im wichtigen Geschäft mit reichen Privatkunden und institutionellen Anlegern, den Cryan zum vielleicht wichtigsten Schwerpunkt seines Umbaus erklärt hat, tut sich tatsächlich etwas. Auch der Abbau der Risiken im Investment Banking kommt offenbar voran, auch wenn die letzten Monate für die gesamte Branche schwierig waren. Oft zeigen sich die Fortschritte noch nicht in den aggregierten Zahlen, wohl aber in einzelnen Bereichen.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Natürlich ist die Deutsche Bank noch weit davon entfernt, eine vernünftige Rendite zu erwirtschaften. Einige strategische Probleme, zum Beispiel die Trennung von der Postbank, harren immer noch einer Lösung. Die große Personalfluktuation in den oberen Rängen bringt Unsicherheit in Bank. Man könnte die Liste weiter fortsetzen. Und doch bleibt am Schluss die Erkenntnis: Die Bank hat ihren Tiefpunkt in den letzten Monaten gesehen.

Die Börse bewertet die Deutsche Bank mit weniger als der Hälfte ihres Buchwerts. Damit sind viele, vielleicht sogar alle wichtigen Unsicherheiten bereits eingepreist, wie die Börsianer sagen. Nur zwei Dinge könnten den Kurs erneut nach unten stoßen: Falls die Deutsche Bank eine weitere Kapitalerhöhung ankündigen müsste – oder ein weiterer großer Rechtsfall aus jüngerer Zeit bekannt werden sollte. Beides wäre dann wohl auch das Ende John Cryans.