Capital-History

Die großen BetrügerFinancial Crimes: Wie ein Betrüger ein ganzes Land erfand

Können diese Augen lügen? Der Betrüger Gregor MacGregor strickte Legenden, die stets einen Fitzel Wahrheit enthielten. Der angebliche „Prinz von Po­yais“ erschwindelte sich so das Geld der Londoner High Society
Können diese Augen lügen? Der Betrüger Gregor MacGregor strickte Legenden, die stets einen Fitzel Wahrheit enthielten. Der angebliche „Prinz von Po­yais“ erschwindelte sich so das Geld der Londoner High Society (Ausschnitt aus einem Gemälde von George Watson)National Galleries of Scotland

Als der Sägearbeiter James Hastie am Morgen des 22. März 1823 in ein Beiboot kletterte und auf die Karibikküste zuhielt, wähnte er sich am glücklichen Ende einer langen Reise. Tags zuvor hatte das Segelschiff der schottischen Auswanderer vor der Mündung des Black River den Anker geworfen. Vom Deck der Kennersley Castle konnten sie die Landschaft sehen, die ihnen durch einen Stich im Siedlerhandbuch vertraut war: die markante Silhouette des Sugarloaf Mountain. Die üppige Vegetation auf seinen Flanken. Die palmengesäumte Landzunge, die die Lagune vom Meer abschirmte. Ihre neue Heimat: den frisch gegründeten Staat Poyais.

Bloß – und das sorgte an Bord für Verwunderung – von der Hauptstadt St. Joseph war nichts zu erkennen. Nicht die Kuppel der Kathedrale, nicht der Königspalast oder das Parlament, nicht das Theater, nicht die Nationalbank. Rauchfahnen entdeckten die Siedler ebenfalls keine. Dabei lebten, wie jedermann wusste, bereits 15.000 Menschen in der Kapitale. Kein Lotse hatte sie in Empfang genommen, keine einzige Schaluppe die Lagune gekreuzt – merkwürdig für einen geschäftigen Handelshafen. Nun, beim Landgang würden James Hastie und sein Trupp diese Absonderlichkeiten schon aufklären.

An Land fanden die Männer dichten Urwald vor. Und abgerissene und wild gestikulierende Gestalten: Passagiere der Honduras Packet, einem ersten Schiff voll hoffnungsfroher Auswanderer, die Monate zuvor angelandet waren. Sie hausten in Zelten und Blätterhütten. Denn eine Stadt St. Joseph existierte nicht. Um genau zu sein: Ein Staat Poyais existierte nicht.

Wie war das möglich? Bevor sie im Januar 1823 aus Schottland losgesegelt waren, hatten die Siedler ihre britischen Pfund in Poyais-Dollar umgetauscht. Sie hatten Arbeitsverträge für Positionen im Militär und der Zivilverwaltung von Poyais unterschrieben. Einer sollte gar Direktor des Nationaltheaters werden.

Sir Gregor MacGregor, der Prinz von Poyais – oder, wie man dort sagte: der Cazique –, war ein Edelmann und Liebling der Londoner High Society. Er hatte die Neu-Poyaisianer in Edinburgh persönlich verabschiedet und als Zeichen seiner noblen Gesinnung den Frauen und Kindern die Überfahrt spendiert. Er hatte ihnen Boden verkauft, was aufwendig gestaltete Urkunden bezeugten. Ja, er hatte sogar erfolgreich eine Staatsanleihe von 200.000 Pfund begeben. Geld, das in die Entwicklung von Poyais fließen sollte. Wohin sonst?

Revolutionär und adlig

Die Antwort war so schmerzhaft, dass einige der Siedler sie noch Jahre später nicht akzeptieren wollten: Gregor MacGregor war weder ein Sir noch ein Cazique. Er war der wohl unverfrorenste Hochstapler der Geschichte. Im Laufe seiner Karriere konzipierte er Anleihebetrügereien im Volumen von 1,5 Mio. Pfund Sterling – das wären heute mehr als 110 Mio. Euro.

Der Schaden war riesig, seine Lüge gigantisch. Natürlich setzt sich jeder Betrüger in Szene, kitzelt die Träume und Schwächen seiner Opfer, legt sich eine Story zurecht. Der eine erfindet ein angeblich todsicheres System. Der andere erfindet eine Marktlücke. Gregor MacGregor aber erfand gleich ein ganzes Land.

Wer ihn im Jahre 1822 auf einem Bankett in London traf, kam kaum umhin, beeindruckt zu sein. 1,75 Meter Körpergröße, beachtlich für seine Zeit. Militärische Haltung, makellose Uniform; an einem Band am Kragen baumelte der Orden des Grünen Kreuzes von Poyais. Ein breites, offenes Gesicht, über dem entschlossenen Kinn volle Lippen. Elegant, enthusiastisch, ein Visionär.