Capital-History

Capital-HistoryDas Falschgeld-Imperium von Alves Reis

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Ende der Republik

Reis landet im Gefängnis – aber auch hinter Gittern ist seine einzigartige Fälscherkarriere nicht zu Ende. Aus der Zelle startet er eine Verleumdungskampagne. „Ich wollte mich an einer Justiz rächen, die eine harte Bestrafung anstrebte“, sagt er später. Er fingiert Dokumente, Briefe, Quittungen, um eine Verwicklung der portugiesischen Oberschicht in den Skandal vorzutäuschen. Der ermittelnde Generalstaatsanwalt muss zurücktreten, die beiden Notenbankpräsidenten, die scheinbar ebenfalls verwickelt sind, werden entlassen. Bei der Bank von Portugal glaubt man an eine kommunistische Verschwörung (wie bei jedem Falschgeldskandal im Europa jener Zeit). „Wir stehen einem ungeheuerlichen, weitverzweigten Plan zum gesellschaftlichen Umsturz gegenüber“, so ein Bericht. Jetzt ist auch das Vertrauen in die Elite des Landes dahin.

Kurz darauf kollabiert der Staat, und die ohnehin instabile Republik driftet in die Diktatur. Daran ist Reis mit seinem Millionencoup natürlich nicht schuld – aber er war „ein weiterer Sargnagel für die Republik“, urteilt 1983 der Historiker Tom Gallagher. Die Krise habe den wirtschaftlichen Niedergang verstärkt und so das Vertrauen in die Republik untergraben, glaubt auch der Experte Henry Wigan.

Für die meisten der Verschwörer fallen die Konsequenzen glimpflich aus. Marang wird in Holland zu einer milden Strafe verurteilt. Hennies, der deutsche Komplize, steigt später unter neuer Identität in den Waffenhandel ein. Druckereibesitzer William Waterlow, der den Männern die Geldscheine produziert hat, erfährt aus der Zeitung, dass er reingelegt worden ist. Seine Firma streitet sich noch Jahre mit dem Staat Portugal um Schadensersatz, bis zum höchsten Gericht des Empire. Er selbst wird 1929 Oberbürgermeister von London.

Reis, der Drahtzieher des Coups, landet im Gefängnis. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch beichtet er alles. Sein Prozess vor dem obersten Gericht beginnt am 6. Mai 1930: Angeklagt ist Reis mit acht Komplizen in zwölf Punkten, von Verschwörung über Geldfälschung bis Bestechung. In einem beeindruckenden, fünfstündigen Schlussplädoyer bekennt er sich schuldig.

„Jeder weiß, Reis ist ein Verbrecher, der beste von allen“, schreibt der Journalist Antonio Ferro, später der Propagandachef Salazars, über den Auftritt des Fälscherkönigs vor Gericht. Reis argumentiert, er sei kein Fälscher, sondern ein „Inflationist“, der lediglich die laxe Geldpolitik der Bank von Portugal weitergetrieben habe. Er wird zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Am 7. Mai 1945 kommt er frei – an jenem Tag, an dem die Portugiesen das Ende des Zweiten Weltkriegs feiern. Er arbeitet als Laienprediger und hilft seinen Söhnen in ihrer Import-Export-Firma. Nach mehreren Herzinfarkten stirbt er am 8. Juli 1955 und wird in einem anonymen Grab beerdigt.

„Der Tod hat einen Mann gefällt, der unter einem bösen Stern lebte und starb“, heißt es in der Zeitung „Diário de Lisboa“. Und der britische „Economist“ schreibt, dass Alves Reis, „wie tadelnswert die Motive auch immer waren, Portugal einen sehr guten Dienst tat, den besten keynesianischen Prinzipien entsprechend“.