Capital-HistoryDas Ende des asiatischen Wirtschaftswunders

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Stiglitz hegt große Skepsis gegenüber dem Washington Consensus. Schon im September 1997, am Rande des Hongkonger Gipfels, bei dem Mahathir und Soros aneinandergerieten, traf Stiglitz Finanzminister aus den Tigerstaaten. Er schlug ihnen vor, Kapitalverkehrskontrollen einzuführen, um die Kapitalflucht aus ihren Ländern einzudämmen. Pure Häresie – der IWF plädierte in Hongkong dafür, die Finanzmärkte noch weiter zu öffnen, obwohl Thailand schon tief in der Krise steckte.

Sein Vorschlag, schreibt Stiglitz später, sei auf Sympathie gestoßen. Mit seiner Friss-oder-stirb-Attitüde ist der IWF in der Region verhasst, die Zweifel an seiner Politik sind groß. Doch weil auch die Macht des Fonds groß ist, fürchten Asiens Finanzminister dessen Zorn, sollten sie den freien Fluss von Kapital einschränken. Zwar wollen sie später im Jahr 1997 noch über diese Option beraten. Doch dazu kommt es nicht mehr: Die Krise überholt sie.

Nur Malaysias Premier Mahathir greift Stiglitz’ Ideen auf. Die Politik, die er am 1. September 1998 verkündet, bricht konsequent mit allem, was im Fonds als Mainstream gilt. Mahathir erlässt Kapitalverkehrskontrollen. Exporterlöse etwa müssen binnen sechs Monaten nach Malaysia zurückgeführt und in Ringgit umgetauscht werden; Ausländer, die in malaysische Wertpapiere investiert haben, können ihr Kapital ein Jahr lang nicht abziehen.

Stanley Fischer hält diese Politik für eine ausgemachte Dummheit. „Malaysia hat enorm von der Integration in die Weltwirtschaft profitiert“, erklärt er zehn Tage nach Mahathirs Ankündigung in der Washingtoner IWF-Zentrale. Das Land drohe „die Chancen zu verlieren“, die offenen Volkswirtschaften zukämen.

Zwar ist der IWF im Laufe der Asienkrise schon einmal von der reinen Lehre abgewichen, als Südkorea zum Jahreswechsel 1997/98 vor der Zahlungsunfähigkeit stand. Ein Kollaps der elftgrößten Volkswirtschaft hätte die Welt in den Abgrund gerissen. Angesichts dieses Horrorszenarios passte der IWF seine Strategie an: Er bearbeitete die Gläubigerbanken, einer Umschuldung zuzustimmen. Das gelang, Südkorea blieb der Zusammenbruch erspart. Doch obwohl sich dieser Eingriff in das Spiel der Marktkräfte als segensreich erwiesen hat, bleibt der IWF seinem Glauben an freie Kapitalmärkte grundsätzlich treu.

Mahathir aber wirft diese Glaubenssätze über Bord – und erntet Fassungslosigkeit. Bloß: Der Erfolg gibt ihm recht. Bereits 1999 wächst Malaysias Wirtschaft wieder um 5,4 Prozent. Bis März 1999 steigen die Devisenreserven von 7,5 auf 28 Mrd. Dollar. Bedenken, mit den Kontrollen habe das Land sich auf Jahre aus dem Kapitalmarkt gekegelt, erweisen sich als haltlos. Zumal die Regierung die restriktiven Maßnahmen schon Anfang 1999 deutlich lockert: Sie haben ihren Zweck ja erfüllt.

Das Bild nach der Asienkrise ist bestechend. Wo die Gläubiger wie in Südkorea und Malaysia die Bewältigung der Krise mittragen müssen, rappeln sich die Länder schnell wieder auf. Der IWF-Musterschüler Thailand dagegen leidet wesentlich länger unter den Folgen. Indonesien erholt sich noch schleppender.

Dass am Ende auch diese Länder wieder auf die Beine kommen, erklärt sich daraus, dass die Tigerstaaten 1997/98 keine Solvenz-, sondern eine Liquiditätskrise durchliefen. Sie lebten nicht über ihre Verhältnisse – ihnen wurde der blitzartige Entzug von Kapital zum Verhängnis. Der Harvard-Ökonom Jeffrey Sachs konstatiert, ihr Zustand sei „alles andere als fatal“ gewesen: Ihre Ökonomien waren überhitzt und korrekturbedürftig, doch strukturell in Ordnung.