Capital-HistoryDas Ende des asiatischen Wirtschaftswunders

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Als die Lage unhaltbar wird, fliegen Summers und Fischer persönlich nach Jakarta, um mit Suharto ein zweites Programm zu vereinbaren. Neue finanzielle Zusagen machen sie nicht. Stattdessen gehen sie massiv gegen die Korruption vor: Die Märkte sollen sehen, dass jetzt in Indonesien aufgeräumt wird. Dass neues Vertrauen gerechtfertigt ist.

Dieses Bild wird zum Symbol für Asiens Demütigung. Am 15. Januar 1998 überwacht IWF-Chef Camdessus (l.) die Unterschrift von Indonesiens Staatschef Suharto unter das IWF-Programm. Die Schulmeisterei des Fonds ist in Asien verhasst
Dieses Bild wird zum Symbol für Asiens Demütigung. Am 15. Januar 1998 überwacht IWF-Chef Camdessus (l.) die Unterschrift von Indonesiens Staatschef Suharto unter das IWF-Programm. Die Schulmeisterei des Fonds ist in Asien verhasst

Suharto fügt sich (und stimmt sogar der Abschaffung des Nelkenmonopols zu). Am 15. Januar 1998 unterzeichnet er die Vereinbarung. Tags darauf zeigen Zeitungen weltweit dasselbe Foto auf den Titelseiten: ein gebeugter Suharto, der das Dokument unterschreibt. Über ihm steht Camdessus, die Arme verschränkt, mit dem prüfenden Blick eines Schulmeisters. Das Bild wird zum Symbol für Asiens Demütigung.

Die IWF-Delegation ist euphorisch. Doch die Märkte sind es nicht: Am Tag nach der Unterzeichnung fällt die Rupiah weiter. Und weiter. Denn der IWF hat es versäumt, eine Lösung für die enormen Außenschulden der Privatunternehmen zu finden. Zum einen verfügt der Fonds nur über wenige Experten in Corporate Finance. Zum anderen will er ihnen gar nicht helfen – warum, so das Argument, sollten Gläubiger und Steuerzahler für das schlechte Management privater Firmen haften?

Das Ergebnis ist Chaos. In Ostjava brechen Unruhen aus, die bald um sich greifen. Demonstranten fordern Suhartos Abdankung. Als Scharfschützen am 12. Mai in Jakarta vier Studenten erschießen, explodiert die Gewalt. Blinder Hass richtet sich gegen ethnische Chinesen, die reichste gesellschaftliche Gruppe im Land. Mit Macheten und Knüppeln bewaffnet hetzt der Mob Chinesen durch die Städte, schlägt sie tot. Dutzende chinesische Frauen werden vergewaltigt. Shoppingmalls gehen in Flammen auf. Allein in den Bränden sterben rund 1000 Menschen.

Am 21. Mai tritt Suharto endlich zurück. Indonesiens BIP schrumpft 1998 um 13,1 Prozent.

Ein Querkopf begehrt auf

Die Wende in der Krise lässt auf sich warten, und dennoch diktiert der IWF weiter, was zu tun ist. Nur ein Mann ist hartleibig genug, dem Fonds die Stirn zu bieten: der „Malaysian Maverick“ – Premierminister Mahathir.

Bis Mitte 1998 hat Malaysia sich eher schlecht als recht durch die Krise gewurstelt. Rivalitäten im Kabinett haben zu einer inkonsistenten Wirtschaftspolitik geführt. Entgegen früherer Ankündigungen pumpt die Regierung Milliarden in insolvente Unternehmen. Geplante Fusionen maroder Banken stocken. Investoren wenden sich ab. Der Ringgit ist im Sinkflug. Die Krise scheint Malaysia endgültig anzustecken. Was tun?

Die Rezepte des IWF sind bekannt: sparen, liberalisieren. Doch Mahathir misstraut dem Währungsfonds. Stattdessen hört er auf einen Ratgeber, der unter den Mächtigen der Finanzwelt ein Ketzer ist: Joseph Stiglitz, Chefökonom der Weltbank und späterer Wirtschaftsnobelpreisträger. Eine raumfüllende Erscheinung mit Charisma, Vollbart und bulliger Statur.