Capital-HistoryDas Ende des asiatischen Wirtschaftswunders

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Freier Fall statt Heilung

Auf dem Gelände der Zentralbank in Bangkok, am Ufer des Chao Phraya, steht ein eleganter Pavillon aus dem 19. Jahrhundert. Die Thais nennen ihn das „Fischhaus“: Unter seiner Veranda schnappen Fische nach Brotstücken, die Besucher in den Fluss werfen. Hier verhandelt die IWF-Delegation im Sommer 1997 mit den Thailändern über ein Rettungspaket.

Wann immer die Gastgeber strittige Punkte untereinander diskutieren wollen, bitten sie die IWF-Delegierten auf die Veranda. Die überbrücken dort die Verhandlungspausen, indem sie Fische füttern. „Wir werden eine Menge Brotlaibe brauchen“, bemerkt der Delegationsleiter Hubert Neiss.

Denn die Differenzen sind gewaltig. „Das Programm“, verkündet Neiss, „gründet auf der Wiederherstellung von Vertrauen, und das wiederum gründet auf einer strengen Geld- und Fiskalpolitik.“ Thailand soll seine Leistungsbilanz ausgleichen, indem es zu Hause die Nachfrage drosselt: also spart, Steuern erhöht, Importe reduziert. Thailands Banken sollen nicht geschützt werden, stattdessen will man den Markt bereinigen. Ein Ansatz, wie ihn der Washington Consensus nahelegt.

Die Thailänder sind schockiert: Schließlich war es nicht ein zu hoher Konsum, der ihre Bilanz ins Minus kippen ließ, sondern der enorme Kapitalzufluss. Da das Kapital aber gerade massiv abfließt, ist Austerität das Letzte, was sie brauchen können. Vielmehr bräuchten sie ein klassisches Konjunkturpaket. Doch sie haben keine Wahl: Soll das Land nicht zahlungsunfähig werden, muss es sich beugen.

Schlussendlich gibt Thailand nach. Das Land bekommt ein Paket von 17,2 Mrd. Dollar. Dafür verordnet der IWF Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen in Höhe von drei Prozent des BIP. Um im Finanzsektor aufzuräumen, schließt Thailand 58 insolvente Banken, wodurch viele Firmen ihre Kreditquellen verlieren. Die Maßnahmen sollen Investoren beruhigen. Doch dass die Zentralbank nun den bisher geheimen Wert ihrer – fatal niedrigen – Devisenbestände öffentlich machen muss, bewirkt das Gegenteil: Der Baht fällt weiter. 1998 wird Thailands Wirtschaft um 10,5 Prozent schrumpfen.

Als nächstes ist Indonesien dran. Aufgeschreckt vom thailändischen Fiasko fliehen die Investoren auch hier. Die Rupiah, unter dem Druck der Märkte im August freigegeben, fällt rasch. Der IWF hält die Alarmstimmung für ungerechtfertigt: Indonesiens Leistungsbilanzdefizit liegt bei gerade einmal drei Prozent, die Zentralbank sitzt auf komfortablen 20 Mrd. Dollar. Eigentlich will der IWF nur wohlwollende Rückendeckung signalisieren, als er im Oktober 1997 eine Mission nach Jakarta schickt.

Indonesiens Problem ist die Korruption, und der Schlüssel dazu liegt im Bankensektor: Ob ein Unternehmen Kredit bekommt, hängt oft stärker von seinen politischen Verbindungen ab als von seiner Wirtschaftlichkeit. Die Bankenaufsicht, die gegen Schmiergeld gern wegsieht, lindert diesen Umstand nicht.

Am 1. November verkündet der IWF das Programm. Indonesien werden 33 Mrd. Dollar zugesagt. Dafür soll die Regierung 16 Banken schließen – darunter einige, an denen die Familie von Diktator Suharto beteiligt ist. Im Ausland kommt das gut an. Die Indonesier aber versetzt es in Panik: Wenn es Suharto trifft, kann es jeden treffen! Massenweise räumen sie ihre Konten leer. In der Not pumpen die Geschäftsbanken die Zentralbank an, und die schöpft Geld ohne Ende. Die Inflation galoppiert, die Rupiah stürzt ins Bodenlose. Das aber belastet die Unternehmer: Viele sind in Dollar und Yen verschuldet, und im Vertrauen auf Währungsstabilität haben sich die meisten nicht gegen Kursschwankungen abgesichert.