Capital-HistoryDas Ende des asiatischen Wirtschaftswunders

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Die Front der Strippenzieher

Die Tigerstaaten sind in einer verzweifelten Lage. Wegen der schwindenden Devisen werden sie bald außerstande sein, lebenswichtige Importe wie Erdöl oder Lebensmittel zu bezahlen. Doch die Märkte leihen ihnen kein Geld mehr. Nur ein Retter ist übrig geblieben: der IWF.

Stanley Fischer: Der brillante Ökonom im Dienst des IWF hat geholfen, Israel und Mexiko zu sanieren. Doch die bewährten Rezepte funktionieren in Asien nicht.
Stanley Fischer: Der brillante Ökonom im Dienst des IWF hat geholfen, Israel und Mexiko zu sanieren. Doch die bewährten Rezepte funktionieren in Asien nicht.

Dessen Chef ist seit 1987 der Franzose Michel Camdessus. Doch das Mastermind der IWF-Strategie für die Krise ist ein anderer: Camdessus’ Stellvertreter Stanley Fischer.

Schmal, silberhaarig, mit zierlicher Brille, entwaffnet Fischer jeden Gesprächspartner mit seiner charmanten Bescheidenheit: Er ist unprätentiös, lächelt viel, erhebt nie die Stimme. Gegenspieler bezwingt er mit unwiderstehlichen Argumenten. Die Mitarbeiter des IWF bewundern ihn als brillanten Ökonomen. Und sein Boss Camdessus ist als erfahrener Politiker geschmeidig genug, Fischer in vielen inhaltlichen Fragen den Vortritt zu lassen.

Neben seinem Intellekt speist sich Fischers Einfluss aus seinem fabelhaften Draht zur US-Regierung. Im Gespann mit Vizefinanzminister Larry Summers, einem so arroganten wie blitzgescheiten Mann, gibt Fischer die Marschrichtung des Fonds in der Asienkrise vor. Ohne die USA geht nichts beim IWF: Als größter Geldgeber haben sie die meisten Stimmrechte – und als einziger Staat die Macht, ein Veto einzulegen. Zufälligerweise haben sie auch eine global engagierte Finanzindustrie, deren Interessen es zu verteidigen gilt.

Die beiden Krisenmanager Fischer und Summers eint eine gemeinsame Denkschule. 1989 hat der Ökonom John Williamson sie unter dem Namen „Washington Consensus“ zusammengefasst – benannt nach dem Sitz des IWF und der Weltbank. Unter deren Mitarbeitern besteht damals weitgehende Einigkeit, welche Politik Transformationsländern zu empfehlen sei. In aller Kürze: Deregulierung, Privatisierung, Liberalisierung. Der Staat soll sich aus der Wirtschaft zurückziehen, der Markt wird es schon richten.

Stan Fischer und seine Mitarbeiter stehen zudem unter dem Eindruck der Mexikokrise 1994/95. Das Land hatte damals weit mehr ausgegeben, als es sich leisten konnte, und damit ein riesiges Leistungsbilanzdefizit angehäuft. Es stand kurz vor dem Bankrott. Der IWF verordnete Austerität – mit großem Erfolg. Diese Erfahrung prägt das Denken im IWF.

Nun sehen die Experten in Asien erneut taumelnde Länder mit hohen Leistungsbilanzdefiziten. Das muss ja wohl an den Ausgaben liegen! Fischer analysiert, die Krise sei „in erster Linie hausgemacht“. Damit positioniert sich der IWF auf Seite der Gläubiger. Entsprechend fällt die Medizin aus: sparen, die Investoren beruhigen – und den Staat weiter zurückdrängen.